| Lars Gustafsson: "Windy erzählt" |
| Hintergründige Friseur-Monologe | |
Wir
alle kennen die typischen Gespräche beim Friseur, das Bedürfnis
nach dem folgenlosen Meinungs- austausch während der geschäftsbeding-
ten zeitweiligen Zwei- samkeit. Der schwe- dische Autor Lars Gustafsson,
mittler- weile in den USA ansässig, hat diese Situation als Thema
seines neuen Buches ausgewählt.
Windy schneidet einem anonymen Professor der nahen Universität
die Haare und erzählt ihm dabei, was ihr in den Sinn kommt: ihr Leben,
die Eigenarten anderer Professoren und wich- tiger Männer Stadt. Die
Antworten oder Fra- gen des Professors sind ausgespart, sie lassen sich
leicht aus Windys Reaktionen ableiten.
In ihren scheinbar unbedeutenden und wie zu- fällige Assoziationen
aneinander gereihten Plau- dereien entfaltet sie nicht nur die Biografie
einer alleinstehenden Frau und Mutter zweier halb- wüchsiger Töchter,
sie malt auch eine psycho- logisches Bild der Gesellschaft von Professoren
und Richtern. Da ist der an den Rollstuhl gefes- selte Dekan, Vietnam-Veteran
und undurch- sichtig, da ist der alte Richter mit dem Hang zu jungen Frauen, und da sind ihre ehemaligen
und notorisch unzuverlässigen Männer. Windy hat in ihrem Leben
einige persönliche Niederlagen einstecken müssen, das scheint
jedoch ihrem Lebensmut keinen Abbruch zu tun. Ihr schlich- tes und geradliniges
Gemüt, durch keinen ge- sellschaftlichen Ehrgeiz aufgestachelt, lässt
sie jede Situation als schicksalsgegeben hinneh- men. Ihr einziges Lebensziel
ist es, zu überle- ben, und das schafft sie recht gut.
Aus ihrer Sicht stehen die Honoratioren des Ortes nicht so gut da. Zwar
akzeptiert sie wie selbstverständlich die gesellschaftlichen Unter-
schiede, jedoch färbt diese Akzeptanz kaum auf ihre Beurteilung ihrer
Umwelt ab. Ihr Auge sieht schärfer als sie selber glaubt, und in ihrem
schlichten Gemüt stecken erstaunliche Wahr- haftigkeit und Menschenkenntnis.
In gewisser Weise wirkt der nie zu Wort kommende Professor ihr sogar unterlegen.
Was sich anfangs wie Klatsch und Tratsch am Frisiertisch liest, erhält
zunehemend Brisanz und lässt ein nahezu bedrohliches Bild der guten
Gesellschaft des Universität-Städtchens ent- stehen.
Das Buch ist im Hanser Verlag unter der ISBN 3-446-19782-6 erschienen
und kostet 26,- DM.
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