| Paul Salamon:"Der Wahrsager" |
| Ironisch-melancholischer Roman über das Leben im Exil | |
Exil-Literatur
war - leider - im 20. Jahr- hundert eine weitver- breitete Gattung, und
ob sich diese Art der Auseinandersetzung mit der bitteren Rea- lität
in Zukunft erüb- rigt, sei dahingestellt. Aber gerade das Leid der
mehr oder weniger freiwilligen Ausbürgerung hat immer wieder bemer-
kenswerte Bücher zu Tage gebracht.
Zwei junge Männer müssen das Ungarn der 70er Jahre verlassen,
einer, um der Liquidierung zu entgehen, der andere auf der Suche nach einem
besseren Leben. György Lázár, aus unerfindlichen Gründen
"Feldwebel" genannt, schreibt Romane und kann gerade noch rechtzeitig vor
den Schergen der Geheimpolizei nach Wien fliehen. János Sorel, aus
einer selbsternannten karpatischen Dynastie stammend, flieht aus einem
Frauenhaushalt mit Großmutter, Mutter und Stiefschwester, um sein
Glück im Westen zu machen. Er nimmt das Leben leicht und nutzt die
Zuneigung der Frauen, während Lazar eher nachdenklich Leben geht und über
literarische und moralische Grübeleien fast das Leben vergisst.
Die beiden treffen zufällig aufeinander und bilden anfangs eine
Notgemeinschaft, dann entwickelt sich so etwas wie eine inneres Band zwischen
ihnen, das lange Zeit eher unsichtbar zwischen ihnen gespannt ist und sie
zusammenhält. János organisiert für György bessere
Lebensbedingungen und glaubt an seine schriftstellerische Zukunft, verdirbt
ihm jedoch andererseits durch unüberlegte und unangebracht stolze
Reaktionen die literarische Zukunft in den USA. Auf Umwegen gelangt der
jüdische Feldwe- bel Lázár nach Israel, während
ausgerechnet Janos in den USA landet.
Beide müssen sich unter widrigen Bedingungen in fremden Ländern
zurechtfinden, vom sozialen Umfeld ihrer Heimat abgeschnitten und materiell
wie emotionell vollständig auf sich selbst gestellt. Während
der eher introvertierte Feldwebel in Israel eine wechselhafte Karriere
als wissenschaftlicher Angestellter und Fensterputzer durchläuft,
durch- quert János mit seltsamen "Heiligen" die Oststaaten der USA,
lässt sich ausnutzen, schnorrt sich durch und erfährt eine melancholische
weil chancenlose Liebe.
Am Ende richten sich beide in ihrem neuen Leben ein, János sogar
erfolgreich in dem ihm fremden Filmgeschäft, und fassen auch emotionell
und sozial wieder Fuß.
Paul Salamon erzählt in seinem Roman eine weitge- hend unspektakuläre Geschichte ohne dramatische Verwicklungen oder politische Intrigen. Doch wie er diese Geschichte zweier entwurzelter Menschen erzählt, fesselt von der ersten bis zur letzten Seite. Die Charaktere werden in einem ruhigen Erzähl- strom schrittweise aufgebaut und behutsam entblät- tert, so als wolle er den Protagonisten nicht zu nahe treten. Das gibt ihm die Möglichkeit, auch feine Gefühlsnuancen, Skrupel, Zweifel und Unsicher- heiten seiner Personen glaubwürdig darzustellen ohne sie einem "Action"-Zwang opfern zu müssen.
Dabei durchzieht das ganze Buch ein Hauch von melancholischer Ironie oder ironischer Melancholie. Auf die Gefahr, hier einem Klischée zu folgen, spürt man doch so etwas wie die ungarische Seele, wie sie gerne in den Operetten und Freiheitsdramen des ausgehenden 19. Jahrhunderts präsentiert wurde, und irgendwo schimmert von Zeit zu Zeit auch - mit einem Augenzwinkern - das Sentiment eines ungari- schen Stehgeigers durch die Zeilen. Auch die Ver- treibung aus der Heimat dient nicht zur gnadenlosen literarischen Abrechnung, etwa wie bei Biermann, sondern erscheint als eine traurige Tatsache, die man hinnehmen muss, da man sie verhindern kann.
Beide Protagonisten können sich trotz aller Tatkraft in ihrer neuen Umwelt nie von ihrer Heimat lösen. Der Feldwebel verfällt immer wieder der Erinne- rung an seine Flucht als Junge vor den Verfolgun- gen der Nazis, und János´ Gedanken kreisen auch in den turbulenten USA-Phasen immer um seine mehr als brüderlich geliebte Stiefschwester und die - wie er es sich schuldbewusst eingesteht - treulose Desertion von seiner Familie in Ungarn.
Beide werden sich der neuen Gesellschaft nie voll- ständig assimilieren, sondern in zwei Welten leben, und daraus eignen sie sich eine Melancholie an, die den Charakter des Buches ausmacht.
Neben den beiden Protagonisten gewinnen auch die Frauen um sie herum ausgeprägte Konturen. Die gefühlsbetonte und impulsive Freundin des Feldwebels erträgt auch seine introvertierten Eska- paden geduldig und flößt ihm durch ihre Naivität immer wieder Mut ein. János´ Gastgeberin in den USA weckt in ihm trotz ihrem deutlich höheren Alter erotische Gefühle und erwidert diese, behält aber angesichts ihrer stabilen Ehe mit einem nur scheinbar etwas vertrottelten Mann die Übersicht. Erotische Anziehung blitzt hier nur in kurzen Augen- aufschlägen oder wenigen doppeldeutigen Sätzen auf und dient nicht einer vordergründigen Attraktion des Buches.
Paul Salamon hat mit diesem Roman ein wahrhafti- ges Abbild menschlicher Zeitgeschichte geschaffen, das schon allein wegen der sprachlichen Qualität die Lektüre lohnt.
Das Buch ist unter der ISBN 3-351-02868-7 erschienen und umfasst über 500 Seiten.
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