| Guy de Maupassant: "Meisternovellen" |
| Wiederentdeckung eines "leichten" Erzählers | |
Guy
de Maupassant (1850-1893) gilt im französischen Sprach- raum als der
bedeutend- ste Novellist. Er lebte sehr kärglich als Beam- ter des
Pariser Marine- Ministerium und schrieb nebenbei Verse. Seine große
Chance bestand in der Entdeckung durch Flaubert, der ihn über viele
Jahre betreute und in die literarische Lehre nahm. Von Flaubert lernte
Maupassant, wie man in den fünf, zehn oder zwan- zig Seiten einer
Novelle ein vollständiges Drama ausbreitet und wie man durch genaue
Beobachtung Aspekte herausarbeitet, die noch niemand vorher gesehen und
beschrieben hat.
Gemäß Definition beschreibt die Novelle einen bestimmten
Lebensausschnitt, der einen Wende- punkt darstellt. Dieser weist oft Merkmale
des Zufälligen, kausal nicht Ableitbaren auf. Hier regiert der Zufall,
die Schicksalslaune und die Zersplitte- rung des Lebens in Einzelfälle.
Vom Umfang ist die Novelle wie geschaffen für den heutigen Leser,
der nicht mehr Stunden mit dem Lesen verbringen sondern schnell gute Literatur
und ausgefeilte Sprache konsumieren will. Im Gegensatz zu den oft schlampigen
Internet-Texten und der häufig schlecht formulierten und nicht mehr
redigier- ten Zeitungssprache findet man bei Maupassant noch kulinarischen
Sprachgenuss.Die Novelle "Die Maske" zum Beispiel beschreibt
einen furiosen Tänzer auf einem Maskenball, der bis zur Bewusstlosigkeit
tanzt und besonders die Damen in seinen Bann zieht. Als er schließlich
vor Erschöpfung zusammenbricht, entdeckt der herbei geeilte Arzt eine
ausgeklügelte Maske, die fest mit der Perücke verbunden ist.
Darunter verbirgt sich - grotesk - ein faltiger alter Mann. Welche
Motive den Alten zu diesen Exzessen treiben, verrät die Novelle auf
durchaus ironische Weise.
Die drei Bände "Das Brot der Sünde", "Unter den Olivenbäumen"
und "Eine Landpartie" bieten eine Sammlung von 82 Novellen, die alle leicht
zu lesen sind und daher unter Literaturkritikern als "leichte" und daher
schnell verdaute Kost gelten. Manfred Flügge kommentiert im Anhang:
"Maupassants No- vellen, vom Publikum als Lesefutter goutiert, von den
Verlegern als krisenfeste Ware immer wieder aufgelegt, von Studenten als
scheinbar leichtes Prü- fungsthema gern gewählt, von den Ästheten
von oben herab beurteilt,...".
Es lohnt sich allemal, Maupassants Novellen neu zu entdecken, denn Lesen
darf auch (leichtes) Ver- gnügen bereiten und als Gegenpol zum anstrengen-
den Alltag leicht verdaulich sein.
Die Reihe ist in der Aufbau-Bibliothek des Aufbau-Verlages unter der
ISBN 3-7466-6085-8 erschienen und kostet 49,90 DM.
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