| John Berger: "King" |
| Erkenntnisse eines Hundes | |
In
Bergers Roman er- zählt der Hund "King" die Geschichte von Vico und
Vica, einem alten Paar, das auf einem Schrottplatz lebt. Hier haben sich
die Ärmsten der Armen im Zivilisa- tionsschrott eine Bleibe geschaffen
und leben inmitten von Ausran- gierten. Beim normalen Bürger rufen
sie nur noch Ekel hervor. So ist es nicht ungewöhnlich, wenn die Jugendlichen
einen schlafenden Stadtstreicher mit Benzin übergießen, ihn
anzünden und das Ganze "Tod eines Ketzers" nennen.
Zwischen Unfall-LKWs, alten Boilern, Wasch- maschinen und Rasenmähern
hat sich eine kleine Gemeinde von Obdachlosen eingerichtet. Jack, der Baron,
vergibt die Plätze gegen Bezahlung. Seine Marotte besteht darin, sich
Papierjackets aus alten Blumenkatalogen zu schneidern, die ihm etwas Würde
verleihen. Corinna lebt ebenfalls dort. Ihr einziger Besitz ist ein Stuhl.
Alfonso zieht singend und bettelnd durch die Metro, und Luc stiehlt schon
mal beim Metzger ein gutes Stück Fleich, von dem King auch etwas abbekommt.
Die Hauptdarsteller in diesem traurigen Stück jedoch sind Vico
und Vica, denen King vor 18 Monaten begegnet ist. Der Hund ist ein guter Zuhörer, und so erzählen sie ihm
ihr Leben, das durchaus schon bessere Zeiten gesehen hat. Vico besaß
einst eine Fabrik, und Vica studierte am Konservatorium. Ihre Liebe hat
alle Schicksals- schläge überdauert, und sie sind auch auch in
den Zeiten der Not zusammen geblieben.
Der Leser begleitet die Dreier-Gruppe tagein, tag- aus, nimmt teil an
ihren Sorgen und Freuden und an einem Leben außerhalb jeder üblichen
Norm. Bis zu dem Tag, als Bagger und Walzen diesen kleinen Lebensverbund
mit brutaler Gewalt niederreißen und den Ärmsten auch noch das
Letzte nehmen.
John Berger erzählt sehr dicht und spannungsreich über ein
Leben unter extremen Bedingungen. Wie gerne verschließen wir die
Augen vor dem so genannten "Abschaum" der Gesellschaft, der sich
von Jahr zu Jahr vergrößert. Hier hat sich ein Autor die Mühe
gemacht, genauer zu recherchieren, nicht weg zu sehen und viel Menschliches
aufzuspüren. Der Leser kann sich dem nicht entziehen und wird zum
Hinschauen aufgefordert.
Vico sagt zum Schluss:" Man fegt uns weg, nicht vom Angesicht der Welt
- das Gesicht haben wir schon lange verloren - nein, vom Arsch der Welt,
il culo. Wir sind der Fehler, den sie gemacht haben...."
Das Buch ist im Hanser-Verlages unter der ISBN 3-446-19771-0 erschienen
und kostet 29,80 DM. |