Yasmina Khadra: "Morituri"

Ein fast hoffnungsloser Krimi über das heutige Algerien
 


Der Bürgerkrieg in Algerien mit seinen grau- samen Auswüchsen hat seit Jahren die Titelseiten der Tagespresse be- stimmt und ist fast schon zu einem kaum noch beachteten Bestandteil der politischen Realität geworden. Am Ende stumpft die Wiederho- lung der Brutalität den fernen Zuschauer ab.

Die algerische Autorin Yasmina Khadra hat jedoch den Mut aufgebracht, im eigenen Lande kritische Romane über die Zustände in ihrem Land zu schrei- ben. Nur das dünne Pseudonym ihres Künstler- namens schützt sie vor Racheakten.

Kommissar Llob, ein desillusionierter Mittfünfziger, versucht verzweifelt, in dem Sumpf von Korruption und Terrorismus so etwas wie persönliche Integrität zu bewahren, obwohl ihm das außer bei seinen engsten Kollegen nur Spott einbringt.
In "Morituri" versucht er einen gefährlichen Terro- risten dingfest zu machen, der mit Vorliebe Intellek- tuelle und Künstler umbringen lässt. Dabei gerät er zwangsläufig mit der sogenannten guten Gesell- schaft in Konflikt, die sich auf Kosten des armen Landes schamlos bereichert und für das persönliche Wohlleben skrupellos über Leichen geht.

Obwohl der eigentliche Krimi durchaus spannend geschrieben ist und auch die Erwartung auf die Lösung weckt, geht es letztlich doch weniger um die Krimi-Handlung als vielmehr um die unge- schminkte Schilderung der Situation in Algerien. Dabei erfährt der Leser, dass die in der europä- ischen Presse in den Vordergrund gerückten Gräueltaten der Fundamentalisten nur eine Facette des blutigen Alltags in Algerien sind. Neureiche sowie abgehalfterte Funktionäre und Politiker des alten Regimes kochen auf dem islamischen Herd ihr Süppchen, indem sie ihre persönlichen Racheakte und die Liquidierung verhasster Konkurrenten dem allgemeinen religiösen Mordterror unterschieben. Da ist schon der Spürsinn eines erfahrenen Kom- missars und sein Gespür für die gesellschaftlichen Zustände erforderlich, um die Untaten von einander zu trennen und die wahren Schuldigen herauszu- filtern. 

Dabei entschuldigt die Autorin keinen Moment lang die Fundamentalisten oder bagatellisiert ihre Ver- brechen. Sie verdeutlicht jedoch, dass die Krimina- lität viel weitere Kreise zieht und mittlerweile den Kern der Gesellschaft durchsetzt hat. Scheinbar seriöse und integre Perönlichkeiten der öffentlichen Lebens erweisen sich plötzlich als erpressbare Lakaien der algerischen "Mafia", so dass Kommis- sar Llob letztlich niemandem vertrauen kann.

Diese geradezu apokalyptischen Zustände - das Pseudonym des gesuchten Terroristen lautet übri- gens Abou Kalybse - führen schließlich auch zu einem kriminal-literarischen Sakrileg, nämlich dem Bruch des ungeschriebenen Gesetzes, dass ein Krimiautor nie die Selbstjustiz durch einen Poli- zisten gutheißen darf. Yasmina Khadra jedoch sieht diese Maßnahme als letzte verzweifelte Möglich- keit, so etwas wie Gerechtigkeit wiederherzustellen, wenn schon die höchsten Stellen der Justiz korrumpiert sind.

Das Buch ist Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-307-3 erschienen und umfasst 159 Seite