| Klaus Schlesinger: "Trug" |
| Ein nachdenklicher deutsch-deutscher Rückblick | |
Mitte
der 80er Jahre: ein Düsseldorfer Immobilien- makler reist nach West-
Berlin (ja, das gab es damals noch!), um ein lukratives Geschäft abzu-
schließen. Auf der Fahrt mit der U-Bahn bleibt er durch eine Panne
im Osten der Stadt hängen und lernt in einem Café "Unter den
Linden" einen Mann kennen, der sein Doppelgäner sein könnte und
ihn in eie Gespräch verwickelt. Deutsch-deutsche Befindlichkeiten
werden mit mehr oder weniger Zurückhaltung und Takt aus- getauscht,
und als sich herausstellt, dass die beiden Männer zur gleichen Zeit
im Osten Architektur studiert haben, ist das Eis gebrochen. Der West- deutsche
Strehlow hat damals eine junge Frau Hals über Kopf verlassen, um in
den Westen zu fliehen, der Ostdeutsche hat seine Karriere einem ungebeugten
Rückgrat geopfert.
Als Strehlow erfährt, dass sein Gegenüber im selben Haus wie
er damals wohnt, brechen die alten Zeiten in ihm auf und damit der Wunsch,
sein schlechtes Gewissen durch ein Wiedersehen mit der ehemaligen Geliebten
zu bereinigen. Die Andeutungen seines Gesprächspartners über
eine eigene unglückliche Liebe fachen diesen Wunsch zusätzlich
an.
Mit Hilfe seines am Ausbau dieses Kontaktes erstaunlich interessierten
Bekannten gelingt es ihm, seine ehemalige Feundin zumindest zu sehen, und
trotz der Warnungen seines Westberliner Bekann- ten vor Stasi-Fallen oder
Ködern von Fluchtwilli- gen lässt er sich immer weiter auf dieses
dubiose Abenteuer ein.
Der Leser ahnt im Gegensatz zum Protagonisten schon bald, was hinter
dieser seltsamen Bekannt- schaft steckt, dennoch endet das Buch mit einer
unerwarteten Pointe, die erst durch den Fall der Mauer einige Jahre später
wieder aufgehoben werden wird. Da das Buch durchaus Elemente eines Krimis
in sich birgt, wollen wir hier nicht die Auflösung verraten, sondern
eher die Lektüre dieses so unterhaltsamen wie nachdenklichen Buches
empfehlen.
Schlesinger bringt die unterschiedlichen Lebens- entwürfe zweier Deutscher im geteilten Land auf den Punkt: hier den eher pragmatisch- gewinn- orientierten Westler, der hinter Allem den Preis und seinen Vorteil sieht, dort den fast verträumten Ost- deutschen, der sich in die innerer Emigration zurückgezogen hat und seinen Stolz mit allen Kon- sequenzen für die eigene Laufbahn vor dem Zugriff des Staates gerettet hat. Die Dialoge der beiden Protagonisten zeigen viel Gespür für die Zwischen- töne abseits der jeweils offiziellen Weltsicht, wobei der Ostdeutsche durch seine radikalere Offenheit sich selbst und dem anderen gegenüber auffällt, während der Westdeutsche eher den Klischees der konsumorientierten Warenwelt anhängt. Diese Charakterisierung gelingt jedoch ohne jegliche Schwarz-Weiß-Malerei, da Strehlow sich seiner eigenen Beschränktheit immer wieder schlaglicht- artig bewuss wird und sich selbst zu relativieren versucht.
Auch die Beziehungen der beiden zu den Frauen bringt Schlesinger auf den Punkt. Strehlow lebt in einer mehr oder weniger offenen Beziehung zu einer berufstätigen Lebensgefährtin, die jedoch seine eigenen Kreise nicht zu sehr stören darf, während sein Gegenüber in der unglücklichen Liebe zu der anderweitig gebundenen Frau seinen Lebensinhalt sieht.
Der Roman thematisiert zehn Jahre nach dem Ende der Trennung noch einmal die unterschiedliche Entwicklung der Menschen in zwei so unterschied- lichen Gesellschaftssystemen und überlässt es dem Leser, seine Schlüsse über die Sinnhaftigkeit der Lebensentwürfe zu ziehen. Der Autor selbst ver- zichtet auf jede plakative Wertung.
Das Buch ist im Aufbau-Verlag, Berlin, unter der ISBN 3-351-02385-5 erschienen und kostet 32 DM.
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