Bernd Setzwein: "Nicht kalt genug"

Roman über Friedrich Nietzsches "Sommerfrische" in Sils Maria
 

Bisweilen gehen bestimmte Orte eine Symbiose mit ihren Besuchern ein, vor allem, wenn letztere  deutliche Spuren im literarischen oder geistigen Leben hinterlassen haben. Hiddensee und Gerhart Hauptmann, Wasser- burg und Walser, Weimar und "Wer war das noch...". 
In ähnlicher Weise hat auch der exzentrische Philosophie-Professor Friedrich Nietzsche eine besondere Bedeutung für den kleinen Engadiner Ort Sils Maria bei St. Moritz und dieser für ihn gewonnen.

In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts entdeckt der bereits von der Krankheit gezeichnete Radikale den kleinen Ort als Zuflucht vor der sommerlichen Hitze Italiens und vor den Zumutungen einer verachteten und gleichzeitig gefürchteten Gesellschaft. Er sucht sich bewusst die schäbigste, dunkelste Kammer aus, um möglichst unerkannt in einer geheimen "Höhle" seine kompromisslosen Schriften zu verfassen.

Bernd Setzwein, Autor des "Buchs der sieben Gerechten", hat die sieben - wieder diese mythische Zahl! - Sommer Nietzsches in Sils Maria zu einem Roman verdichtet, der jedoch implizit einen dokumen- tarischen Anspruch erhebt. So könnte es gewesen gewesen sein, so muss es eigentlich gewesen sein.

Setzwein schildert Ankunft und Aufenthalt wie eine dokumentarisch belegte Biographie. Er verzichtet auf Spekulationen und setzt Bezüge zum Werk Nietzsches äußerst sparsam ein, nur wo sich diese "en passant" ergeben.  Die Titulierung als Roman bedeutet für Setzwein eben nicht den Freibrief für menschelnde oder tief grün- delnde Philosophie aufspürende Spekulationen. Weit- gehend unspektakulär hält er sich an die überlieferten Berichte über Nietzsches Sommer in Sils Maria: seine langen Wanderungen mit der Wirtstochter, die zuneh- mend kindischen Ausbrüche in seiner Kammer, die Menschenscheu und Reduzierung der Kontakte zu einem zusehends kleiner werdenden Kreis im sommer- lichen Sils. Das nahe Hotel bietet zwar Menschen, die den Philosophen Nietzsche kennen und schätzen und seine Nähe suchen, er jedoch begegnet ihnen abrupt oder abgehoben, sieht in ihnen von Jahr zu Jahr mehr die potentiellen Gegner denn einfach Freunde, gräbt sich immer tiefer in seine philosophischen Schützen- gräben ein, übt sich in einer übermenschlichen Ver- achtung alles Menschlichen. Selbst der Familie will er entsagen um des Prinzips willen....

Doch zurück zum Buch, das glücklicherweise keinen Kommentar zu Nietzsches Philosophie zu geben ver- sucht, sondern sich auf den Menschen und die zuneh- mende Verengung seines Weltbilds beschränkt, auch dieses ohne Wertung, sondern fast wie eine medizini- sche Diagnose: ruhig und nüchtern doch durchaus betroffen.

Man fragt sich natürlich, was diese Beschreibung einer wenig unterhaltsamen Sommerfrische soll, schließlich handelt es sich nicht um die Ferien des "Monsieur Hulot". Gerade durch die nüchterne Schilderung der teilweise grotesken Alltagsabläufe gewinnt Setzwein für Nietzsche ein Stück Natürlichkeit und Menschlich- keit zurück, die dieser durch die unbewussten und gezielten Missverständnisse eines gesamten Jahrhun- derts verloren hatte. Setzwein lässt aus einem philoso- phischen Ungeheuer wieder einen schwachen Men- schen werden, und dieses Verdienst ist ihm nicht hoch genug anzurechnen.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-58218-320-0 erschienen und kostet 29,80 DM.