Volker Braun: "Tumulus"

Gedichte und Texte eines Ratlosen
 

Der Büchner- preis-Träger von 2000, geboren 1939, hat in diesem kleinen Band in Lyrik und Pro- sa seine Erfahrungen mit der niedergegangenen DDR, mit dem idealen und dem realen Sozialismus  sowie mit den Ereignissen nach 1989 aufgearbeitet.

Seine Gedichte zeigen ein waches Bewusstsein, das sowohl der eigenen Vergangenheit und der seiner ehe- maligen Heimat als auch den neuen Verhältnissen kri- tisch gegenübersteht. Bis 1989 hat Volker Braun eine Heimat besessen, die ihn nicht geliebt hat, nach deren Verlust jedoch keine neue gefunden. Als überzeugter aber von der Realität enttäuschter Sozialist kann er dem neu erblühten Kapitalismus keine Heimatgefühle entgegenbringen.

Doch die Texte sind keine vordergründigen Abrech- nungen mit Vergangenheit und Gegenwart. Dazu taugt auch die Lyrik nicht. Seine Texte schauen durch die Lücken des verschleiernden Bauzauns auf die hässli- che Realität und entlarven den falschen Schein eines scheinbar frohen Aufbruchs nach einer langen Lei- denszeit. Das sensible Individuum hat in diesen  Zeiten tatsächlich gelitten, aber ist jetzt durchaus nicht versöhnt. Da trifft das  Sprichwort vom "Regen und der Traufe" ins Schwarze.
In "Nachleben" erlebt er bei der Abnahme einer Maske schemenhaft seinen Tod vorweg und schaut bereits aus der Ferne auf die Welt der Lebenden. 
"Tumulus" und "Plinius grüßt Tacitus" verbinden geschickt römische Größen und Ereignisse mit den aktuellen politischen Ereignisse. Zitate: "So entstehen Weltreiche/Ich sah sie fallen..." - "Warum fuhr Plinius mitten in die Katastrophe (Anm. d. Red.: Vesuv-Ausbruch)....warum blieb ich (der Autor) mitten in der Katastrophe...?". 
Immer wieder setzt Braun nicht nur die aktuellen poli- tischen Strukturen der letzten 30 Jahre mit histori- schen Situationen in Verbindung, sondern betrachtet auch seine eigene - mal kritische, mal halbherzige - Rolle in diesem garstigen Spiel. 
Andere Texte beleuchten kritisch bestimmte gesell- schaftlichen Erscheinungen, so den Vier-Sterne- Tourismus in arme Entwicklungsländer oder die dekadente Arroganz der Modeschöpfer ("Lagerfeld"). Volker Brauns Auge entgeht nichts. 

Nach dem traumatischen Erlebnis eines fehl einge- schätzten Sozialismus ("Die Bauern tanzen um den Galgen an dem die Partei hängt....") versucht er alles vorurteils- und illusionslos zu sehen. Dies führt letzt- lich zur weitgehenden Isolation mit resignativen Zügen, denn wer an nichts mehr glauben kann, der findet auch keine Heimat mehr.

Man muss Brauns Texte allein schon wegen der syn- taktischen und semantischen Probleme mehrfach lesen, bevor sie sich aufschließen. Aber das hat er wohl auch beabsichtigt. Diese Lektüre ist nicht "en passant" mitzunehmen und lässt sich nicht als "Small- Talk"-Futter für die nächste Stehparty verwerten. Es werden immer kryptische Elemente bleiben, die sich dem Leser nicht oder nur schwer erschließen. Diese Stellen hängen dann am längsten im Kopf und arbeiten dort.

Der Band "Tumulus" ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41027-X erschienen