Martin Winckler: "Doktor Bruno Sachs"

Roman über einen ungewöhnlichen Arzt
 

Zu Beginn dieses um- fassenden Romans nähert sich der Leser dem Gebäude, in dem der Arzt Bruno Sachs praktiziert, wie mit einer Filmkamera. Ein Schild aus gebürste- tem Stahl an der Tür des alten, eingeschos- sigen Hauses weist Bruno Sachs als praktischen Arzt aus. Das Wort "Warte- zimmer" ist mit einer Schablone auf eine weiße Holztür gemalt worden, die Sprechstunden- Zeiten stehen in bunter Schönschrift auf einem Stück Karton.

Schon hier wird dem Leser klar, dass es sich nicht um eine "Schickeria"-Praxis handelt sondern um die Praxis des landläufigen praktischen Arztes. Hier werden die Leiden des täglichen Lebens widergespiegelt. Die Persönlichkeit des Arztes jedoch fällt aus dem normalen Rahmen, denn er ist seinem Beruf mit Leib und Seele verpflichtet. Heute bezeichnet man diese Einstellung etwas abfällig als "Helfersyndrom". 
Doch gerade deswegen kommen die Patienten zu ihm. Dieser Arzt hört ihnen zu, klopft das Umfeld seiner Kranken ab und stellt erst dann die Diagnose, wenn er sich ein Gesamtbild der Person gemacht hat, die ihm gegenüber sitzt. Er kennt keine Freizeit und befindet sich immer in Rufbereitschaft. Schon im Studium wurde er von seinen Kommilitonen belächelt, da er sich übereifrig in jedes Thema hinein kniete und den innerlich wenig beteiligten Ärzten kritisch gegenüber stand.

Nun ist dies kein Arztroman im üblichen Sinn. Eine fortgesetzte Liebesgeschichten zwischen Arzt und Patientin mit einigen medizinischen Zutaten wird man vergeblich suchen. Stattdessem kommen in diesem Roman die Patienten zu Wort. Sie beschreiben ihren Hausarzt, wie sie ihm das erste Mal gegenüber standen, wie seine Vertrauen erweckende Art ihre Zunge löst, wie sie sich bei ihm gut aufgehoben fühlen. Da kommt die Schwangere, die abtreiben will, der Rentner, der sich monatlich wiegen lässt, weil das die Kasse bezahlt, eine Mutter, die mit der pubertären Tochter nicht mehr fertig wird, und natürlich Madame Renard "Oh la la mein Gott" mit ihrem ewigen Lamentieren. Auch Monsieur Renard ist Patient bei Bruno Sachs, weil ihn seine Frau fortwährend schikaniert. Und es kommen auch Patientinnen ohne medizinische Probleme, die sich nur einmal aussprechen wollen.

In den vielen Patientengeschichten wird das menschliche Dasein vielschichtig und doch in seiner ganzen Banalität beschrieben. Im Grunde genommen kann sich jeder Leser in diesem Kaleidoskop menschlichen Leidens und Freuens wiederfinden. Vielleicht war der Roman deswegen in Frankreich ein Riesenerfolg, weil die Identifikation mit den Figuren des Romans so leicht fällt

Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-19854-7 in einer Übersetzung aus dem Französischen von Eugen Helmlé erschienen.