| John Berger: "Einst in Europa" |
| Ein wehmütig-weiser Blick auf Landschaft und Leben | |
Odile
Blanc, mittler- weile eine ältere Frau, fliegt mit ihrem Sohn in einem
kleinen Flug- zeug über die Land- schaft, in der sie ihr ganzes Leben
ver- bracht hat. Es war eine ärmliche aber für das kleine Mädchen
unbeschwerte Kind- heit. Die einzige Attraktion in dem klei- nen Dorf war
eine Stahlfabrik, die offen- sichtlich ohne jegliche Rücksichten auf
Umwelt oder Gesundheit ihrer Arbei- ter geführt wurde. Die Dorbewohner
nahmen es man- gels besseren Wissens als gottgegeben hin.
Während des Fluges über die enge Heimat irgendwo in Savoyen
erinnert sie sich an ihren ersten Freund aus der Fabrik, von dem sie bereits
mit 15 schwanger wurde und der dann eines Tages im weißglühenden
Stahl verschwand. Sie denkt zurück an die Zeit mit dem kleinen Sohn,
die ablehnende Haltung der Dorf- bewohner gegenüber der ledigen Mutter
und an den lebenslustigen Freund ihres Bruders, der in der Stahl- küche
beide Beine einbüßte. Er wird der Vater ihres zweiten Kindes,
denn irgendwie braucht jeder jeman- den zum Anlehnen.
Obwohl der sachliche Hintergrund durchaus sozialkri- tische Züge
aufweist und die frühkapitalistische Aus- beutung der Landbevölkerung
implizit anprangert, geht es dem Autor mehr um den Lebenslauf dieser Frau, die bei aller Einfalt und trotz der Schicksalsschläge
das Leben so hingenommern hat, wie es kam, in einer großen Naivität
ihr Glück gefunden hat und am Ende des Lebens mit Dankbarkeit zurückblickt.
Wer dieses Buch politisch liest, wird darin vielleicht eine unakzeptable
Schönfärberei oder Bagatellisierung der damaligen sozialen Zustände
sehen, doch zielt eine solche - sachlich durchaus berechtigte - Kritik
an dem Buch vorbei. Der konsequent durchgehaltene Blick- winkel der Frau
zeigt einen Wesenszug, der es ihr er- möglicht, das Leben zwar nicht
fatalistisch aber doch als eine Kette von zu bestehenden Prüfungen
zu betrachten. Nie würde es ihr einfallen, die Welt zu hinterfragen.
An den im Stahl verglühten Boris denkt sie wie an einen lieben Onkel
zurück und den Krüppel Michel nimmt sie als Fügung des Schicksals
und teilt mit ihm das Leben. Sie hat nie gelernt, Ansprüche an das
Leben zu stellen und wird es auch im Alter nicht mehr tun. Höchstes
Glück bedeutet es für sie, noch einmal mit ihrem Sohn über
die Felder, Wiesen und Höfe zu gleiten und ihr Leben von oben zu betrachten.
Vielleicht ist dieser Flug auch nur der Traum einer Sterbenden. Die Analogie
der Seele, die sich vom ster- benden Körper löst und die Welt
noch einmal von oben betrachtet, ist nicht zu übersehen.
John Berger erzählt diese Geschichte mit einer abge- klärten,
fast jenseitigen Ruhe. Die kurzen Dialoge zwi- schen Mutter und Sohn im
Flugzeug gehen direkt in die Erinnerungen über und umgekehrt. Dazu
liefert Patricia MacDonals eindringliche und gestochen scharfe Luftbilder
der Landschaft Savoyens.
Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-19818-0 erschienen. |