| Andrei Makiné: "Das französische Testament" |
| Eine Jugend in Russland | |
Die
Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg: ein Junge wächst in einer
scheinbar sorglosen Kindheit auf. Nichts ahnt er von politischer Unter-
drückung stalinistischer Prägung. Mittelpunkt seines Lebens sind
die jährlichen Sommerferien bei der Großmutter im fernen Sibirien.
Sie war vor Jahrzehnten mit Ihrer Mutter dem russischen Vater dorthin gefolgt,
nach dem Tod ihres Vaters bei der Mutter und später allein dort geblieben.
Der Junge wächst auf und dringt Stück für Stück
mehr in das Leben seiner Großmutter und dessen teilweise bedrückenden
Geheimnisse ein. Nicht selten kollidieren die Erkenntnisse scharf mit der
offiziellen Doktrin seines Landes, die auch er sich unbewusst zu eigen
gemacht hat. Mit jedem neuen Steinchen im Lebensmosaik der alten Dame wachsen
Ehrfurcht und Liebe zu ihr und ihrer fernen Heimat.
Als schließlich die politische Wende ihm die Ausreise erlaubt,
geht er nach Paris und verbringt dort einige Jahre unter größten
Entbehrungen, bis er sich wieder der Großmutter erinnert und beschließt,
sie noch ein- mal für sein letztes Geld nach Paris einzuladen. Als
jedoch der unvermeidliche biologische Gang der Dinge seine Vorbereitungen
überholt und überflüssig macht, erfährt er aus dem
Nachlass der Großmutter seine wahre Herkunft.....
Der russische Autor Andrei Makiné, Jahrgang 1957, schildert mit
großem Einfühlungsvermögen doch ohne jede falsche Sentimentalität
seine(?) Jugend und das Erwachen von Sehnsüchten und Emotionen, sei
es idealistischer oder mehr vordergründig-physischer. Mit der Figur
der Großmutter gelingt ihm ein großarti- ges Portrait einer
in ihrem Stolz und ihrer Kraft ein- maligen Frau, die auch schwerste Schicksalsschläge
im stalinistischen Russland überstanden und ihren Frieden mit diesem
großartigen und weiten Land gemacht hat.
Bei aller Kritik an den Zuständen in seinem Land verrät der
Autor seine Heimat in keiner Zeile sondern beweist mit seinem Roman, dass
zwar ein Regime mörderisch sein kann, den Charakter eines Landes auf
die Dauer jedoch nicht korrumpieren kann. Wenn er am Ende allein im für
ihn unwirtlichen Paris sitzt, spürt man seine Sehnsucht nach der russischen
Heimat und sieht ihn bei nächster Gelegenheit zurück fahren.
Das Buch ist unter der ISBN 3-453-15024-4 im Diana-Taschenbuchverlag
erschienen und kostet 18 DM.
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