Sibylle Schleicher: "Das Schnee verbrannte Dorf"

Geschichte einer vergeblichen Rückkehr
 

Eine junge Frau kehrt in ihr österreichisches Heimatdorf zurück, das sie vor Jahren auf der Flucht vor einer das Leben in vorhersehbare Bahnen lenkenden Bezie- hung verlassen hat. Nun will sie Abstand gewin- nen zu offensichtlich belastenden Erlebnissen ihres Lebens "draußen".

Zu ihrer Überraschung sieht sie sich einer fast surrealen Situation gegenüber: alle Einwohner haben das Dorf verlassen, die Häuser sind jedoch versorgt und alle Einrichtungen funktionieren noch. Nur der alte Brandner - ein Verwandter, doch in diesem Dorf war fast jeder miteinander verwandt - lebt allein in dem Geisterort und kümmert sich um alle notwendi- gen Dinge. Auf ihre Fragen verweigert er eine eindeu- tige Aussage zu den Gründen des Exodus. 

In ihrem Wunsch nach Abschottung und Selbstbe- sinnung bleibt die junge Frau im Dorf und hilft dem Alten bei seinen offensichtlich sinnlosen Bemühun- gen, das alltägliche Leben des Dorfes beizubehalten. Man erntet die Früchte der Saison, kocht und kellert für den Winter ein lebt ein auf die wichtigsten Bedürfnisse reduziertes Leben.

In den Gesprächen mit dem alten Brandner sucht die junge Frau ihre Kindheit in diesem Dorf wieder zu beleben: an jedem Haus, Baum und Gegenstand hän- gen Erinnerungen an eine vermeintlich glückliche Kindheit. Zunehmend igelt sie sich in die ferne Ver- gangenheit ein, um die jüngste Vergangenheit zu vergessen.Trotz der Gegensätze der Charaktere kommen sich die beiden Stück für Stück näher, obwohl diese Nähe nie das rein Menschliche überschreitet. Der alte Brandner erwartet außer einem nahen Tod nicht mehr viel vom Leben. Er will mit die- sem Dorf sterben, aber beide in manierlichem Zu- stand, der nachträglich das Leben rechtfertigt. Die Frau sucht in ihrer Vergangenheit eine nicht vor- handene Zukunft. Als am Ende der Alte den er- warteten Tod stirbt und sie hinter das Geheimnis des leeren Dorfes kommt, steht sie vor der Kon- frontation mit dem Nichts. Das Dorf wird auf Nimmerwiedersehen verschwinden und mit ihm ihre Kindheit. Sie muss sich ihrer eigenen belas- teten Vergangenheit und der Zukunft stellen.

Sibylle Schleicher hat in diesem Buch glaubwürdig die Situation einer jungen Frau widergespiegelt, die sich in politischen und persönlichen Irrgärten bewegt und dabei ihre Identität eingebüßt hat. Das Leben im Dorf steht für den Versuch einer neuer- lichen Identitätsfin- dung und der alte Brandner für die ferne Vergangen- heit einer verklärten Kindheit. Die Anordnung von junger Frau und altem Mann baut aufgrund der Gegensätze und der unvermeidlichen Reibereien einen kontinuier- lichen Spannungsbogen auf und vermeidet außer- dem den Abfall ins Seicht-Sexuelle. Die Sprache ist dicht und voller österreichischem Lokalkolorit. Sibylle Schleicher schafft es, eine kafkaeske Situ- ation herzustellen und auszuführen ohne als Epi- gonin des tschechischen Mystikers dazustehen.

Das Buch ist 2000 im Haymon-Verlages unter der ISBN 3-85218-322-7 erschienen und umfasst 251 Seiten.