| Norbert Gstrein: "Selbstportrait mit einer Toten" |
| Monolog über den Misserfolg | |
Der Dichter wird in der öffentlichen Meinung gern verklärt zum uneitlen, abgeklärten, über den Dingen dieser Welt stehenden Weisen. Wie sollte er auch über das Leben schreiben - sei es erbauend, sei es entlarvend - wenn er selbst wie seine Leser mitten im Strudel der täglichen Zweikämpfe stünde ..... In seinem kleinen Band entlarvt Norbert Gstrein den typischen Verlierer oder - besser gesagt - Nicht-Gewinner dieser "Branche" als Menschen mit eher gesteigertem Anerkennungsbedürfnis und damit umso schärferer Empfindung der Niederlage. "Er" ist ein Schriftsteller, der von einer literarischen Preisverleihung zurück zu seiner Lebensgefährtin reist. Diese, eine Ärztin, hat gerade eine Patientin durch Selbstmord verloren, und versucht eine Woche lang - die Kapitel-Überschriften lauten "Montag" bis "Freitag" - darüber zu sprechen. Vergeblich - "er" redet und doziert Tag und Nacht mit all seinen rhetorischen Fähigkeiten nur über die seiner Meinung nach lächerliche und von vordergründigen Motiven geleitete Entscheidung einer unfähigen Jury. Seine Schriftsteller-Kollegen stellt er als ausgeschriebene Anpasser dar, die Kritiker als liebedienerische Hohlköpfe, die allein der noch jungen Preisträgerin gefallen wollten. Er rechnet mit der gesamten literarischen Welt ab und dreht sich doch im Kreise, wiederholt sich. Ungewollt kommt in seinen Tiraden seine eigene Unfähigkeit zu Tage, gerade das zu liefern, was das lesende Publikum erwartet: Abgekärtheit, Trost, ausgewogene Analyse, Zuwendung zur Welt und zum Mitmenschen. Als Mensch wie als Schriftsteller wird er zum Zerrbild und Antihelden, ja, zur Karikatur seiner selbst. Wenn er sich am Ende seiner einwöchigen Tiraden im Beisein seiner Begleiterin vor einer Literatur-Redakteurin wie ein Pfau aufführt, plump ihre Bewunderung sucht und sich mit einer dicken Zigarre selbstgefällig zurücklehnt, versammelt er in sich all die Eigenschaften, die er seinen Konkurrenten und Kritikern während der letzten Tage vorgeworfen hat. Der Dichter ist kein Deut besser oder anders als der Leser - cave poetam! Norbert Gstrein präsentiert diesen Monolog temporeich mit einer sachlichen Sprache, die gerade durch die Sicht der frustrierten Frau ihre satirische Wirkung entfaltet. Dabei bleibt offen, ob er mit seiner Attacke bestimmte Vertreter seines Berufszweigs charakterisieren oder darüber hinaus allgemeine menschliche Schwächen entlarven will. Letzteres wäre allerdings nicht sehr originell, da bereits zu oft literarisch verarbeitet. Nehmen wir es also als satirisch gemeinte "Nestbeschmutzung" und erweitern die Erkenntnis unsererseits über den literarischen Kreises hinaus. Das
Buch ist unter der ISBN 3-518-41123-3 im Suhrkamp-Verlag erschienen
und kostet 28 DM.
Frank
Raudszu |