| Walter Grond: "Old Danube House" |
| Roman über eine moderne Identitätskrise | |
Der Wiener Professor Johan Nichol, Experte für Quantencomputer an der TU Wien, führt ein typisch akademisch-bürgerliches Leben - junge attraktive Frau, keine Kinder. Im Internet wird er auf den seltsamen bosnischen "Guru" Sahli aufmerksam, der das Perpetuum Mobile erfunden haben will und hieraus sogar eine Art Weltreligion ableiten will. Aber erst der merkwürdige Selbstmord dieses Außenseiters richtet Nichols Interesse auf die Randbereiche der Wissenschaft und darüber hinaus. Skeptisch und wissenschaftlich nüchtern, doch zunehmend fasziniert von dieser Gegenwelt nicht wissenschaftlich begründeter Theorien, beginnt er, auch das Fragwürdige und scheinbar Lächerliche ernst zu nehmen. Dabei entfernt er sich langsam aber stetig von seiner gewohnten Umwelt und wendet sich dabei mehr einem jungen Informatik-Studenten zu, der die typischen Eigenschaften einer von der Technologie besessenen Generation aufweist. Für den Studenten Hofer stellt der Rechner sein zweites Ich dar, er verachtet Microsoft und schwört auf Linux, kennt sich im Internet und dessen hintersten, bisweilen schmutzigen Ecken aus und pflegt den kryptischen und doch "coolen" Jargon der Web-Jünger.
Nichol, der anfangs Hofer eher als enfant terrible betrachtet hat, studiert ihn aus einer verunsicherten Position heraus und versucht, diese Generation zu verstehen. Er folgt ihnen auf heiße Techno-Feste in heruntergekommenen Fabrikgebäuden, lernt auch den abgeschmackten Underground kennen und lässt schließlich seine der Esoterik anheim gefallene Frau freiwillig zu ihren "Wurzeln " nach Ägypten ziehen. Sein Weg führt ihn in die bosnische Heimat des Sonderlings Sahli, und dort sucht er nach dessen Verwandten und Wurzeln.
Von nun an mutiert das Buch zu einer engagierten Berichterstattung aus einem zerstörten Land, jedoch immer mit einem transzendenten Unterton. Auch wenn er sich bald mit einer entfernten Verwandten von Sahli einlässt, steht er immer in einer selbst ihm unerklärlichen Distanz zu dem Geschehen. Wie Leopold Bloom stolpert er durch eine Welt voller Assoziationen aber ohne Erklärung. Die bohrende Frage aus einem Hemingway-Roman, wie man sich das Leben einrichten solle, drängt sich ihm angesichts der traumatischen bosnischen Verhältnisse und der apathischen Bevölkerung immer stärker auf.
Der Familienwohnsitz der Sahlis, das "Old Danube House", nun zerstört und nur noch eine rußgeschwärzte Ruine, wird zum Symbol nicht nur der untergegangenen Donau-Monarchie, sondern auch für den Zerfall der staatlichen und moralischen Ordnung im Balkan des letzten Jahrzehnts. Hier sind Walter Grond die besten Szenen gelungen, wenn er den Fatalismus, die Wut und doch auch die ethnischen Vorurteile der zurück gebliebenen oder zurück gekehrten Bosnier beschreibt. Ohne anklagend-beckmesserischen Zeigefinger schildert Grond nüchtern die Realität, die auch ohne Wertung bedrückend und ausweglos genug ist. Die Menschen leben nur dem Augenblick, Beziehungen kommen und gehen, und der Kommentar über Enttäuschungen und menschliche Brüche beschränkt sich auf ein "ist egal". Wer sich den Panzer der absoluten Gleichgültigkeit überstreift, kann nicht mehr verletzt werden. Die inneren Verwundungen sind zu harten Narben geworden, und nach außen zeigt man einen vordergründigen Gleichmut, der das Überleben ermöglicht. Walter Grond beschreibt ein vom Westen vergessenes, ja nahezu aufgegebenes Volk, das sich selbst als "Schlachtvieh des Abendlandes" begreift.
Die einzige Schwäche dieses über lange Strecken eindrucksvollen Buches liegt in dem versöhnlichen Ende: das Ehepaar findet sich wieder auf einer Vernunftbasis, Nichol kündigt seine ihm immer fragwürdiger scheinenden Professur im Bereich der Quantencomputer, kurz ein Ende voller fauler Kompromisse und unklarer Zukunftsaussichten Sehr viel Mühe hat sich Walter Grond mit dem technologischen Hintergrund aus Internet, Linux und Hackern gemacht und liegt dabei durchweg richtig. Der Ton ist gut getroffen, vor wohlfeiler Technik-Kritik, das Lieblingskind vieler Geisteswissenschaftler, hütet er sich, und die technischen Beschreibungen stimmen, wenn auch eine "Sun ULtra 2" nun wahrlich kein "mächtiger Großrechner" ist, wie einmal behauptet wird. Aber das sind Kleinigkeiten, über die man hinwegsieht. Der geradlinige, unprätenziöse Stil macht die Lektüre einfach und spannend zugleich.
Das Buch ist unter der ISBN 3-85218-335-9 im Haymon-Verlag, Innsbruck, erschienen und umfasst 280 Seiten.
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