| Andreas Merke: "Christianes letzte Pfade" |
| Unterhaltsamer "Trittbrett"-Krimi um Goethe und Christiane | |
Goethe und Christiane, das war das Thema - und Buchtitel - des letzten Jahres. Da lag es also nahe, dieses Thema noch ein wenig auszuschlachten. Der Titel des vorliegenden Buches suggeriert, dass hier ein weiteres, noch unbekanntes Kapitel über des Meisters Lebensgefährtin aufgeschlagen wird. Weit gefehlt: es geht vielmehr um den historisch verbürgten Freitod des jungen Kammerfräuleins Christiane von Lassberg, die sich aus Liebeskummer und mit einer Ausgabe des "Werther" in die kalte Ilm stürzte.
Bei Andreas Merke, Jahrgang 1972, stirbt Christiane in den Armen Goethes, der sie in einer kalten Winternacht aus dem eisigen Fluss zieht. Aus verschiedenen Indizien, unter anderem Christianes lebensfrohen Kommentaren aus der in ihren Kleidern verborgenen "Werther"-Ausgabe, und Aussagen ihrer Freundinnen schließt Goethe messerscharf, dass hier kein Selbstmord oder Unfall vorliegen kann. Zu viele einflussreiche Männer aus Carl Augusts Hofstaat waren verrückt nach dem bildhübschen Mädchen und wurden abgewiesen. In Vorwegnahme der literarischen Zukunft mutiert der noch junge Goethe zu einer Mischung aus James Bond und Philip Marlowe. Unbestechlich, mutig und scharfsinnig verfolgt er jede Spur, schützt Unschuldige und stellt Verdächtige zur Rede, auch wenn er sich dabei ihre Feindschaft einhandelt. Auch Herder wird peripher mit einbezogen und schließlich Friedrich Schiller, der als Regimentsarzt und heimlicher Dichter (Goethe ändert den Titel seines geplanten Dramas über zwei gegensätzliche Brüder bei einem Glas Rotwein medienwirksam in "Die Räuber" um) Goethe bei einer heimlichen nächtlichen Exhumierung helfen muss.
Der Krimi endet in einem klassischen "Showdown" in Weimars unterirdischen Stollen zwischen Goethe und dem Bösewicht, und eine fremde Kugel rettet Goethe in letzter Sekunde vor dem Tode und uns vor dem Verlust unschätzbarer literarischer Werke......
Wäre dies ein zeitgenössischer Krimi, er würde sich nahtlos in die Flut von Alltagswerken einreihen. Nur die Einbindung unseres berühmten Dichterfürsten und seiner Weimarer Umgebung verleiht diesem Buch seinen besonderen Charakter. Dabei geht der Autor jedoch in eine typische Falle, die ein Schriftsteller vermeiden sollte: man kann durchaus Romane über alternative Entwicklungen schreiben, die ein Leben und die Geschichte völlig anders gestaltet hätten, wenn dies oder jenes (nicht) geschehen wäre ("was wäre, wenn Adolf Hitler im ersten Weltkrieg umgekommen wäre....."), und die literarische Darstellung dieser Alternativen kann durchaus lehrreich und aufschlussreich sein.
Man sollte jedoch nie in einen dokumentarisch fast bis auf den Tag belegten, historischen Lebenslauf wie den von Johann Wolfgang von Goethe aufregende, fiktive Ereignisse "einflicken".
Die Fiktion reibt sich Satz für Satz an der Realität und gerät zur Farce, auch wenn sie unterhaltsam geschrieben ist. Hätte Merke einen Anonymous als Detektiv gewählt und Goethe eine dekorative aber glaubwürdige Hintergrundrolle belassen, so hätte man diesen Krimi glaubwürdiger gestalten können. So jedoch riecht das Buch zu sehr nach "Trittbrett"-Fahren, und das nicht nur wegen der durchaus nicht unbeabsichtigten Irreführung durch den Titel.
Sieht man von diesen schwerwiegenden Einwänden ab, ist das Buch durchaus spannend geschrieben, wenn auch die Diktion oft nicht realistisch ist, so wenn Christianes jugendlicher Verehrer aus niederem Stande als anfangs Hauptverdächtiger im Kerker seine Verzweiflung in heutigem Schriftdeutsch ausdrückt. Da wäre an der Sprache noch viel zu f
eilen gewesen. Das Buch mag jedoch durchaus als Lektüre für junge Leute dienen, die gerne etwas Spannendes lesen und nebenbei etwas über das klassische Weimar erfahren sollen....
Das Buch ist im Verlag Rütten & Loening unter der ISBN 3-352-00621-4 erschienen und kostet 36 DM.
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