Wolfgang Hermann:"Fliehende Landschaften"

Todessehnsucht und Lebensüberdruss
 

Ein Mann - noch nicht einmal im "besten Alter" - findet sich eines Tages im Krankenhaus wieder: Herzinfarkt. Während ihn die Ärzte und Schwester langsam wieder für ein Dasein mit dem Infarktrisiko herrichten, hält er Rückschau auf sein bisheriges Leben und setzt sich mit dem drohenden Tod auseinander. Die Rückblenden zeigen ein zumindest subjektiv problematisches Elternhaus: der cholerische Vater hat den in falsche Kreise geratenen Bruder früh aus dem Haus gejagt und schweigt seitdem, die Mutter barmt um den verlorenen Sohn. Doch dies ist nur ein Mosaikstein des zurück liegenden Lebens. Das Studium in Paris wird zwar abgeschlossen, endet jedoch in der Ziellosigkeit. Auf der einer Flucht vor Gegenwart und Zukunft ähnelnden Reise nach Italien lernt er eine Frau kennen und lieben und zieht mit ihr und dem kleinen Sohn zurück nach Paris. Doch seine depressive Apathie dem Leben gegenüber treibt die Frau aus dem Haus. Auch ihre Versuche, ihn über bewusst geschürte Eifersucht aus seiner Lethargie zu wecken, misslingen. Eine zweite Fluchtreise nach Nordafrika, nun ohne Sohn, führt nicht zu einer zukunftsorientierten Neubesinnung sondern erschöpft sich in ziellosen Wanderungen und beiläufigen Kontakten mit Eingeborenen. Selbst die Konfrontation mit sozialen Missständen und Konflikten kann den Protagonisten nicht aus seiner depressiven Nabelschau reißen. So treibt er zurück nach Europa und verkriecht sich in eine einsame Berghütte mit dem Ziel, an seinem lange geplanten Buch zu schreiben. Doch auch die Einsamkeit der Berge vermag nichts zu ändern, genau so wenig wie eine heftige Affäre mit einer Zufallsbekanntschaft aus einer Diskothek. Dann ereilt ihn wie ein logischer Schlusspunkt der Herzinfarkt.

Das Buch gibt keinen Aufschluss über die Ursache seiner depressiven Ziellosigkeit. Keine verlorene Liebe, keine tragischen Todesfälle, keine schwere Kindheit. Die Depression scheint angeboren und das Leben trotz guter Startbedingungen - Studium in Paris, komfortables Haus in den Bergen Österreichs - von vornherein zum Scheitern verurteilt. Hermann macht in seinem Roman auch keinem gesellschaftlichen Prototyp - Eltern, Frauen, Institutionen - einen Vorwurf. Das ganze Buch ist mehr eine Schau in die innere Leere ohne Lehre. Weder Erkenntnisse noch Ziele reifen aus der Rückschau in ein noch nicht sehr langes aber dennoch bereits verunglücktes Leben, und die Hauptperson scheint sich zuweilen in seinem Selbstmitleid recht gut einzurichten. Den Tod empfindet er zwar als drohende Macht, findet jedoch nicht einmal Kraft ihm aktiv entgegenzutreten.

Es scheint alles einerlei ohne stichhaltige Begründung. Ein Hauch von "fin de siècle" schwebt durch dieses Buch, jedoch ohne jegliche Grandezza oder das Gefühl des Endes einer gesellschaftlichen Epoche. Wenn die todessüchtigen Autoren der letzten Jahrhundertwende das große, alles ändernde und belebende Ereignis herbeisehnten - das ja 1914 dann auch eintrat - so scheint der Autor dieses Buches nur dessen Ende herbei zu sehnen.

Standesgemäß für Thema und Tenor lässt er es - in einem Ich-Roman eher selten - mit dem Tode des Protagonisten enden. Dabei mag der tödliche Rückfall eines fast schon genesenen Herzinfarkt-Patienten durchaus realistisch sein, dass es dazu jedoch eines vom Oberarzt angezettelten Saufgelages mit dem noch schwachen Rekonvaleszenten bedarf, scheint selbst bei aller berechtigten Skepsis diesem Berufsstand gegenüber denn doch etwas an den Haaren herbeigezogen.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN3-85218-333-2 erschienen und umfasst 107 Seiten