| Christoph Hein: "Von allem Anfang an" |
Eine Jugend in der DDR
Der Untertitel dieser Rezension mag Manchem tendenziös klingen, weil politisch unterlegt. Er beschreibt jedoch in wenigen Worten genau das, was Christoph Hein in diesem Buch festgehalten hat: die zweifellos stark autobiografisch gefärbte Sicht eines Zwölf- bis Dreizehnjährigen, der in den fünfziger Jahren als Sohn einer kinderreichen Pfarrersfamilie in einer Kleinstadt der DDR aufwächst. Heins eigene Situation stimmt zumindest vom Alter und den allgemeinen Umgebungsbedingungen vollständig mit dem seines Protagonisten überein...
Daniel fühlt sich wie viele andere Kinder permanent gegenüber seinen jüngeren Geschwistern zurückgesetzt, fängt die "Watschen" für sie, beneidet seinen großen Bruder, der ihn jedoch an seinen Aktivitäten nie teilhaben lässt (wie auch er sich von seinen kleinen Geschwister distanziert..) und schwärmt für einen Artisten des gastierenden Zirkus, mit dem er am liebsten durch die Welt ziehen würde, fern der häuslichen Enge und aller schulischen Pflichten. Eventuelle politische Eindrücke erhält er in diesem Alter gar nicht oder nur sehr verschlüsselt, so wenn sein Vater wegen seiner Tätigkeit permanent Ärger mit den Behörden hat. Wieso, ist Daniel jedoch nicht klar. Die Muffigkeit des DDR-Alltags scheint ihm eher in den Menschen als im System zu liegen, und da liegt er auch nicht falsch.
Auch die Sommerferien auf dem Staatsgut, das der Großvater verwaltet, gestalten sich so lange als Idylle, bis Daniel plötzlich über einen Nachbarsjungen handfeste Erfahrungen mit der Sexualität macht. Die nackten "Spielereien" seines Freundes mit einem Mädchen aus dem Dorfe und seine eigenen körperlichen Reaktionen stürzen den noch recht naiven Jungen in innere Konflikte, die sich noch verschärfen, als er mitbekommt, das sein Großvater seine Stelle verliert, weil er nicht in die Partei eintreten will. Hier zum ersten Mal wird ihm die Bedeutung des politischen Systems zumindest schemenhaft klar. Aber wie alle Kinder seines Alters nimmt er alle diese Ereignisse bald als gegeben hin und träumt weiter einer Zukunft auf einem Westberliner Gymnasium entgegen, wie sein großer Bruder bereits genießen darf.
Heins Buch ist bewusst unspektakulär, ohne Katastrophen oder schwere Konflikte, aber schließlich gehört er ja auch nicht zum Pilcher-Genre.
Hein beschreibt die Welt treffsicher und einfühlsam aus der Sicht eines Pubertierenden. Da sitzt jeder Satz, und nicht einmal fällt er in die Rolle des allwissenden Autors zurück. Vor allem männliche Leser werden an vielen Stellen an ihre eigene Jugend erinnert, sei es bei dem - vergeblichen - Versuch, älteren Schülern zu imponieren und von ihnen akzeptiert zu werden, sei es bei bestürzenden Erfahrung erster sexueller Regungen oder bei dem Selbstmitleid gegenüber der Ungerechtigkeit von Welt und Eltern(.. wenn ich jetzt tot wäre, dann würden alle weinen...).
Das liest sich von Anfang bis Ende leicht und unterhaltsam und birgt jedoch eine Wahrheit, die über alle leichte Unterhaltungslektüre hinausgeht.
Das Buch ist im Aufbau Taschenbuch-Verlag unter der ISBN 3-7466-1129-6 erschienen und kostet 14,90 DM.
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