Helene Flöss:  "Schnittbogen"

Südtiroler Schicksale im Krieg
 

Südtirol in den 30er und 40er Jahre. Italien stellt Ansprüche an das deutschsprachige Land, die Einwohner sperren sich gegen die Vereinnahmung durch die "Walschen", bis Hitler sie sozusagen an Mussolini verschachert. Der Krieg findet erst die Italiener und dann die Deutschen als Besitzer und Besatzer, die Einwohner müssen mit Nazis und Faschisten fertig werden.

Zwei Junge Frauen, Elsa und Olga, dokumentieren diese schwierige und gefährliche Zeit durch ihre Aufzeichnungen und Briefwechsel. Die Schneiderin Elsa führt ihr Tagebuch auf Schnittbögen, schreibt sich ihre persönlichen und familiären Probleme vom Herzen, Olga erhält einen Strom von Liebesbriefen ihres unglücklichen aber unermüdlichen Verehrers Mati, der erst beruflich die Ferne sucht, dann mit Hitlers Wehrmacht durch Russland zieht.

Elsa lernt den jungen Pater Ansgar kennen, der als intelligentes Kind unfreiwillig in die Klosterschule geschickt und dort zum Priester erzogen wurde. Mit Elsa lernt er plötzlich einen anderen Lebensentwurf kennen und verlässt den Orden ihr zuliebe. Als die Wehrmacht auch ihn kurz vor Kriegsende holen will, versteckt er sich bis zum Kriegsende auf einer Alm.

In diesem Buch ereignen sich keine Dramen. Helene Flöss ist nicht auf eine spannende Geschichte aus, sondern schildert hautnah das karge Leben der Bergbauern in Südtirol. Wo heute der Tourismus für "blühende Landschaften" sorgt, mussten damals die Bauern dem unwirtlichen Land ihren Lebensunterhalt entreißen. Da moniert der Vater schon einmal, dass Elsa beim Hausputz nicht mit der Seife spart, und nach Einbruch der Dunkelheit werden aus Sparsamkeit bald die - noch nicht elektrischen - Lampen gelöscht.

Elsa muss sich ob ihres nicht legalisierten Verhältnisses mit Ansgar der Front engstirniger Frauen erwehren, und eine Totgeburt verschlimmert ihre Situation noch. Würden der Krieg und seine drohenden Auswirkungen auf das Dorf nicht alles überschatten, hätte sie es noch schwerer.

Die Autorin hat das Buch aus der Sicht einer späten Leserin der Aufzeichnungen geschrieben und kann daher die Ereignisse zeitlich übereinander blenden, mal voraus schauen, mal zurückblenden. Der Leser sieht buchstäblich jemanden in alten, eng beschriebenen Schnittbogen blättern, hier etwas aufgreifen, dort genauer nachlesen. Es gibt keinen übergreifenden Text einer allwissenden Autorin, das gesamte Geschehen erschließt sich aus den Aufzeichnungen von Elsa und aus Olgas Briefwechsel mit Mati. Es zeigt die im wahrsten Sinne des Wortes beschränkte Welt der um ihr tägliches Brot kämpfenden Bergbauern. Alles dreht sich um die elementaren Bedürfnisse, und Außenseiter haben in dieser Welt einen schweren Stand, besonders wenn sie Frauen sind.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-334-0 erschienen