| Jochen Jung: "Ein dunkelblauer Schuhkarton" |
"Es war einmal....", damit beginnen alle Märchen, wie wir sie aus der Kindheit kennen. Jochen Jung, Jahrgang 1942, hat diese Form der Erzählung aufgenommen und auf seine Art variiert. Auf 87 Seiten erzählt er "Mini"-Märchen, die alle mit der bekannten Floskel beginnen, dann jedoch meist alles andere als märchenhaft-tröstlich enden. Oft gerinnen diese Märchen zu Aphorismen, so wenn unter dem Titel "Wunder" lediglich der Satz "Es war einmal Wolfgang Amadeus Mozart" erscheint. Andererseits mutet er uns auch das Kurzmärchen vom hungrigen Hamburger zu, der in einem Lokal einen Kalauer verspeist. Die meisten Märchen jedoch tischen uns skurrile bis groteske Zusammenhänge auf, die sich oft aus einer scheinbar harmlosen Ausgangssituation ergeben, so wenn der einstmals radelnde Radfahrer, von einem Auto überfahren, direkt in das Licht des Himmels aufsteigt, oder wenn ein übermütiger Zuchtfloh auf seiner Flucht in die weite Welt sein Ende auf dem Schenkel seines Herrn findet.
Immer wieder findet Jung neue Alltagssituationen oder bekannte Metaphern, die er ins Paradoxe oder Surreale verwandelt und so dem Leser neben dem Schmunzeln auch immer ein Stückchen Irritation oder einen Denkanstoß verpasst. Bei aller märchenhaften Kritik am menschlichen Wesen und Unwesen erhebt er jedoch nie den Zeigefinger oder weist mit ihm anklagend auf seine Leser, und gerade diese - nur scheinbare - Wertfreiheit macht das Büchlein lesenswert.
Man blättert, schmunzelt, verzieht bisweilen den Mund, runzelt auch mal die Stirne, aber nie fühlt man sich genötigt oder peinlich berührt. Ein unterhaltsamer kleiner Band mit mehr Tiefgang als die "Mikro-Erzählungen" auf den ersten Blick vermuten lassen, und nur selten entweicht die "Moral von der Geschicht" in gründelnd-trübe Tiefen.
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