Ingeborg Bachmann: "Ich weiß keine bessere Welt"

Unveröffentlichte Gedichte aus dem Nachlass
 

Ingeborg Bachmann war eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Literaturbetrieb. Fast scheut man sich, diesen Ausdruck zu benutzen, weil sie kein typisches Mitglied des "Betriebs" war. Zurückgezogen lebend, konsequent bis radikal in ihrer lyrischen Aussage und in ihrem persönlichen Leben, verweigerte sie sich der Vereinnahmung durch den Markt. Ihr früher und unfreiwilliger Tod zerriss einen durchgehenden Schaffensfaden, der noch lange hätte gesponnen werden können.

Ihre Geschwister haben ihren Nachlass lange unter Verschluss gehalten, da die handschriftlichen Notizen oft nicht nur fragmentarisch sondern auch schwer leserlich waren. Nun aber haben sich die drei Nachlassverwalter Isolde Moser, Heinz Bachmann und Christian Moser entschlossen, die nachgelassenen Aufzeichnungen zu sichten und, mit ausführlichen Kommentaren versehen, herauszugeben. Dabei haben sie sogar einen weiter führenden Schrtt gewagt, indem sie in vielen Fällen die Handschrift als Facsimile dem gedruckten Text gegenübergestellt haben. Damit laden sie den Leser ein, sich aktiv an der Interpretation des Originaltextes zu beteiligen. An vielen Stellen ist der Text so unleserlich, dass man entweder raten, den Kontext befragen oder über eine lange Erfahrung mit den Texten der Lyrikerin verfügen muss. Auf diese Weise kann man bisweilen den Prozess der Wortzuordnung durch die Herausgeber nachvollziehen, manchmal würde man selbst jedoch eine andere Deutung wählen. Auch wenn man den Herausgebern die größere Kompetenz zugestehen muss, ist es doch reizvoll, an Hand der handschriftlichen, oft nur hingeworfenen und unleserlichen Notizen eine eigene "Übersetzung" zu erarbeiten. Diese aktive Mitarbeit dürfte im Sinne der Herausgeber sein, auch wenn er von deren Vorschlag abweicht. Zur Kennzeichnung dieser unklaren Stellen haben sie die betreffenden Worte unterstrichen.

Die Gedichte selbst tragen schwer an der Trauer über den Zerfall der Solidarität und der Bindung unter den menschen, sei es im persönlichen, se es im gesellschaftlichen Umfeld. Einige Gedichte sind ganz persönliche Abrechnungen mit engen Lebenspartnern - ohne Namen zu nennen -, andere klagen politische Zustände, Unterdrückung und Folter an.

Die Sammlung dieser unveröffentlichten Gedichte zeigt  deutlich nicht nur die die intensive Beschäftigung der Lyrikerin mit ihrer Umwelt und ihre Betroffenheit über die Unzulänglichkeit der menschlichek Gemeinschaft sondern auch ihre ungebrochene Produktivität. Hätte sie länger gelebt, wären nicht nur diese Gedichte fertig gestellt und verfeinert worden, wir hätten auch noch etliche weitere kennen und schätzen gelernt.

Die Gedichtesammlung ist im Piper-Verlag unter der ISBN 3-492-04255-4 erschienen und kostet 38 DM.