Friedrich Ani: "German Angst"

Kriminalroman um Fremdenhatz und -hysterie
 

Als im Jahr 1999 ein bayerisch- türkischer Jugendlicher die Münchner Polizei auf Trab und nahezu zur Verzweiflung brachte, hatte die Presse ein Auflage steigerndes Thema gefunden. Nicht zuletzt auf Grund der Medien wurde der gerade strafmündig gewordene Jugendliche in die Türkei ausgewiesen, obwohl seine Eltern unbescholten in Deutschland lebten und er hier zur Welt gekommen war. Das Gesetz ließ diese Maßnahme zu.

Friedrich Ani hat offensichtlich diesen realen Vorgang als Vorlage für seinen Roman "German Angst" gewählt. Bei ihm wird aus dem türkischen Jungen ein nigerianisches Mädchen, dessen Vater als Sechsjähriger aus dem vom Bürgerkrieg zerfressenen Biafra gerettet wurde und sich später in München eine Existenz aufgebaut hat. Seine Tochter Lucy verliert als Zehnjährige nach dem Unfalltod der Mutter den Halt und beschäftigt seit diesem Zeitpunkt mit ihren kindlich-kriminellen Aktivitäten Polizei und Öffentlichkeit. Der Roman setzt rechtzeitig zu ihrer Strafmündigkeit mit Erreichen des vierzehnten Geburtstages ein.

In der Öffentlichkeit hat sich mittlerweile eine deutliche Mehrheit für eine rasche Abschiebung von Vater und Tochter gebildet, und die "Deutsche Republikanische Partei", nur durch eine etwas abweichende Namensgebung von ihrer realen Patin NPD unterschieden, nimmt die Gelegenheit wahr, aus diesem Anlass Kapital zu schlagen und die Öffentlichkeit über die Gefährlichkeit dieses jugendlichen Mosters aufzuklären sowie die angebliche Feigheit der Behörden anzuprangern. Um endlich ein Fanal zu setzen, entführt man in einer generalstabsmäßig geplanten Aktion die deutsche Freundin des Nigerianers und droht mit ihrem Tod, falls Vater und Tochter nicht ausgewiesen werden.

An dieser Stelle sind der Leiter der Vermisstenstelle bei der Münchner Kriminalpolizei und seine Mitarbeiter gefordert. Die Dienststelle stellt selbst einen Querschnitt der Bevölkerung dar und so prallen die Meinungen über die Zukunft des Mädchens auch hier hart aufeinander. Einzig der unangepasste und den Vorgesetzten unbequeme Hauptkommissar Süden setzt sich rückhaltlos für die Rechte des Mädchens ein und versucht ihre Situation und Motive zu verstehen. Obwohl er bei seinen diversen - zufälligen oder geplanten - Treffen mit ihr nur aggressive Ablehnung erfährt, bleibt er sich treu und gibt nicht auf. Dafür geht er im Dezernat bis an den Rand der Suspendierung.

Friedrich Ani schildert die Ereignisse und Aktivitäten um diese Entführung und ihre Hintergründe mit den Mitteln des klassischen Kriminalromans. Seine Sprache ist dicht und schnörkellos, Dialog und Handlung stehen im Vordergrund, theoretische Erörterungen sind auf ein Minimum beschränkt. Doch dank des genauen und vielschichtigen Aufbaus der Charaktere gelingt es ihm, seine Überlegungen den handelnden Personen glaubwürdig in den Mund zu legen. Er umschifft erfolgreich nahezu jedes Klischee vor allem des amerikanischen Politkrimis, bei dem die Guten immer gut - warmherzig,gebildet, humorvoll - und die Bösen immer böse - raffgierig, ehrgeizig, missgünstig - sind.

Auch bei Ani gibt es eher unsympathische Rollen wie den populistisch-ehrgeizigen Staatsanwalt oder den selbstgefälligen Staatssekretär, jedoch sind diese Charaktere nie einseitig, sie erlauben dem Leser eine gewisse Identifikation oder zumindest Verständnis für ihre Denkweise. Die Polizisten sind wahrhaftig keine Helden, allerdings auch nicht künstlich als Trottel kaschierte Columbos oder Versager. Hier sind ganz einfach Menschen mit alltäglichen Lebensläufen und Eigenarten beruflich mit der Kriminalität konfrontiert und leiden unter ihrer  weitgehenden Machtlosigkeit. Selbst der Protagonist Tabor Süden, hinter dem man einige autobiographische Züge vermuten darf, ist innerlich zerrissen und sich bei all seinem Engagement seiner Sache nie sicher. Dass er mit seinem Gespür wesentlich zur Aufklärung der Entführung beiträgt, versteht sich in einem solchen Krimi von selbst.

Auch bei der Auflösung am Ende verweigert Ani seinen happy-end-süchtigen Lesern den guten Schluss. Er hält sich lieber an die Realität und lässt die Entführung in einem bitteren Desaster enden, das jedoch bis auf eine Stelle von Konsequenz zeugt. Lediglich der zufallsbedingte Verkehrstod einer Hauptperson zum Schluss entbehrt dramaturgischer Logik. Er dient nur einer pseudo-tragischen Steigerung. Angesichts der sonstigen Qualität des Romans lässt man dem Autor solche Kleinigkeiten aber gerne durchgehen.

Gut recherchiert ist auch die Umgebung der rechtsradikalen Szene. Auch hier vermeidet Ani wieder jedes gefährliche Klischee. Seine "Republikaner" rekrutieren sich aus einer breiten Klientel:vom zynisch-machtbesessenen Immobilienmakler über den rücksichtslosen Aufsteigertypen, den kleinbürgerlich-verklemmten Taxifahrer, den orientierungslosen Ex-DDRler bis hin zum neo-faschistoiden Polizisten im Schafspelz des eifrigen Kriminalbeamten. Alle sind sie sozusagen der Realität entnommen, keiner wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen.

Lediglich die Frauen sind in diesem Roman mit einem leichten Heiligenschein umschleiert, vor allem das aufrechte und grund-"echte" Entführungsopfer. Etwas weniger Seelentiefe und etwas mehr Durchschnittlichkeit hätte dieser Rolle gut getan. Auch die anderen Frauenrollen sind - jede auf ihre Art - ohne Fehl und Tadel. Mag sein, dass dies Anis Sicht der Frauen ist - und es ist sicher nicht die schlechteste - aber sie muss nicht unbedingt flächendeckend der Realität entsprechen. Sei´s drum, dies ist sicher eine sehr geringfügige Einschränkung, die den Wert des Buches in keiner Weise mindert.

"German Angst" ist ein hervorragendes Beispiel für engagierte, realitätsbezogene und aufklärerische Lektüre, die obendrein auch alle Elemente guter Unterhaltungsliteratur aufweist.

Das Buch ist im Droemer-Verlag unter der ISBN 3-426-19543-7 erschienen und umfasst 486 Seiten.