Brita Steinwendtner: "Rote Lackn"

Südtiroler Lebensläufe
 

Der "Rote Lackn" ist ein kleiner Bergsee irgendwor in Österreich. Seine rötliche Farbe stammt der Sage nach von dem Blut einer jungen Frau, die sich zur Zeit der Bauernaufstände mit ihrem Kind dort umbrachte, nachdem Ihr Geliebter als Rädelsführer des Aufstandes gehenkt worden war. In dem einsamen Bergtal leben in den dreißiger Jahren eine Reihe von Bauern "von der Hand in den Mund". Der Tourismus hat sich noch nicht entwickelt und so müssen die Einwohner ihren Lebensunterhalt mühsam der unwirtlichen Erde abringen. Die Jahrhunderte übliche Inzucht und die Ruhigstellung der Kleinkinder mit weingetränkten Schnullern hat den entsprechenden Prozentsatz geistig mittelbeminderte Einwohner zur Folge, die man landläufig gerne als Dorfdeppen bezeichnet. In diese fragwürdige Idylle dringt langsam und schleichend der Nazionalsozialismus ein, anfangs durch übereifrige und eilfertige Anhänger des neuen Systems, später auch in Form von Soldaten und parteitreuen Beamten.

Die Autorin schält aus dieser Umgebung einzelne Frauenschicksale herause, so die junge Frau des mittellosen Bauern und Mutter mehrerer minderjähriger Kinder, die den Kampf gegen den auch das einsame Tal nicht verschonenden Krebs verliert und den hoch verschuldeten Bauern mit den Kindern allein lässt. Oder die alte Dame, deren Sohn, Professor im hohen Norden Deutschlands, sich selten blicken lässt und die einen einsamen Tod stirbt. Im Mittelpunkt steht jedoch die ehemalige Sennerin Franziska, die aufgrund ihres Schicksals im "Narrenturm", der Nervenanstalt, landet. Früh vom Bauern geschwängert und von der Bäuerin verjagt, bringt sie das Mariele zur Welt und zieht es irgendwie groß. Das wiederum verliebt sich in einen jungen Mann, der in Russland bleibt. Als das einzige Kind aus dieser nicht legalisierten Verbindung nach dem Krieg beim Spiel mit Munition stirbt, geht sie an den Ort, wo einst die junge Braut des Bauernführers ihr Leben beendete......

Zu diesen individuellen Schicksalen kommt die politische Bedrohung in der Gestalt der Euthanasie. Die Wächter einer reinen Rasse nehmen sich des Narrenturms an, der schon seit Generationen die geistige Verwirrten aufgenommen und betreut hat, und "säubern" das Tal schnell von diesen Unglücklichen. Doch das reicht den Eifernden nicht: sie suchen auch noch die letzten auf Almhütten versteckten "lebensunwerten" Dorfbewohner und führen sie ihrer Bestimmung zu. Auch die Äbtissin des nahen Stifts kann sich der Vernichtungsbürokratie nicht entgegen stemmen.

Brita Steinwendtner verzichtet auf die große dramatische Geste und beschreibt das Unglück eher im "Kammerstil", sozusagen als intimes Protokoll der individuellen Zerstörung. Dabei kommt noch einmal die Abrechnung mit der Dritten Reich und seinen einheimischen Vollstreckern zu Wort, aber auch die unpolitische Dumpfheit und die harten Lebensbedingungen in den Bergtälern vor der Erfindung des Skitourismus mit seinem fragwürdigen Geldsegen. Brita Steinwendtner hat mit diesem kleinen Band eine melancholische Momentaufnahme einer vergangenen Bergwelt verfasst.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-285-9 erschienen und umfasst 126 Seiten.