| Barbara Honigmann: "Alles, alles Liebe" |
| Fiktiver Briefwechsel junger DDR-Künstler | |
Mitte der siebziger
Jahre schlagen sich einige junge Künstler im damals noch real-sozialistischen Ostberlin
durchs beengte Leben. Die Jung-Regisseurin Anna und ihre schauspielernde Freundin
Eva, beide Kinder ehemals emigrierter Juden, Annas Liebhaber Leon, der Bühnenbilder
Heinrich und einige junge, tief-versonnene Philosophen. Jeder versucht, seinem Leben einen
Sinn und ein Ziel zu verleihen oder zumindest das Erlernte positiv umzusetzen. Dies ist
jedoch unter den obwaltenden gesellschaftspolitischen Bedingungen nicht gerade einfach. Anna hat die Inszenierung eines Weihnachtsmärchens im
provinziellen Prenzlau angenommen und kommuniziert von dort mit ihren Verwandten und
Freunden nur brieflich. Dieser Briefwechsel ist Gegenstand des Romans und steht
unkommentiert und ohne überlegene Autoren-Perspektive für sich selbst, ganz in der
Tradition des klassischen Briefromans. Anna trifft im Prenzlauer Ensemble auf eine politisch
angepasste Umgebung mit bürokratisch-korrekter Kunstauffassung. Schnell macht sie sich
durch ihre skeptische und wenig angepasste Art bei den eifrigen Karrieristen unbeliebt,
und ihre jüdische Herkunft erweist sich eher als Malus denn als Bonus. Gleichzeitig versucht sie, ihre Beziehung zu Leon aufrecht zu
erhalten, der jedoch eine Verabredung nach der anderen mit anfangs plausiblen Gründen
verpasst. Obwohl andere junge Männer der Gruppe offensichtlich mehr als nur Kameradschaft
für sie empfinden, verrennt sie sich in eine zunehmend fragwürdig erscheinende
Beziehung. Dies alles schildert die Autorin in einem unprätentiösen
und doch mitreißenden Stil. Dabei steht keine vordergründige Abrechnung mit dem
untergegangenen Staat im Vordergrund - dies wäre "post mortem" zu billig -
sondern lediglich die Weltsicht und "Befindlichkeit" der jungen Leute.
Politik spielt nur eine untergeordnete Rolle in ihrem Leben, und die dumpfe Enge der Verhältnisse belastet sie mehr als ein falsch verstandener Sozialismus. Auch in dieser Gesellschaft sucht die nachwachsende Generation vornehmlich einen Weg zur Realisierung ihrer Lebensvorstellungen, und dabei decken sich ihre Vorstellungen bei weitem nicht mit den offiziellen Vorgaben der sozialistischen Gemeinschaft.
Wenn am Ende Anna beruflich und persönlich gescheitert ist, betrachtet sie dies jedoch nicht als Ende aller Hoffnungen sondern nur als eine kleinere Delle in ihrem Leben. Auch die Niederlagen zerstören nicht den im Grunde optimistischen Kern einer Generation, die nur auf bessere Verhältnisse wartet.
Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-199110-1 erschienen und kostet 34,- DM.
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