Martin Alber: "Wittgenstein und die Musik"

Der Briefwechsel mit Rudolf Koder und zwei Essays
 

Ludwig Wittgenstein mag Vielen nur als Philosoph ein Begriff sein. Dass er sich intensiv mit der Musik beschäftigte und auch selbst ein Instrument - die Klarinette - offensichtlich recht gut und gern spielte, mag Manchem unbekannt sein.

Die berufliche Laufbahn führte Wittgenstein anfangs als Volksschullehrer nach Oberösterreich, wo er den ebenfalls Musik treibenden Rudolf Koder kennen und schätzen lernte. Mit ihm verband ihn eine lebenslange enge Freundschaft, die auch die Jahre von Witthensteins Exil - er war Jude - in Portugal und England überstand. Martin Alber hat diesen teilweise recht privaten Briefwechsel in dem vorliegenden Band herausgegeben.

Die Briefe der beiden Freunde vermitteln eine Atmosphäre, die der heute weitgehend verloren gegangenen Kunst des Briefeschreibens vorbehalten ist. Hier können sich Gedanken und Gefühle frei entfalten, ohne dass der Gegenüber ins Wort fällt, und bei aller Ehrlichkeit der Aussage schützt Schreiber und Leser dennoch die räumliche Distanz vor allzugroßer Nähe. Der Briefstil dieser beiden Männer mutet heute seltsam gefühlsbeladen an und könnte in anderem Kontext sogar in eine eindeutige Richtung missverstanden werden. Obwohl es in den Briefen meistens um Musik geht, lesen sie sich zeitweise wie Liebesbriefe. Ein umfangreicher Kommentar Albers befasst sich mit dem Kontext und den Hintergründen der einzelnen Briefe.

Als Ergänzung zu dieser Korrespondenz hat Alber in zwei Essays Wittgensteins Beziehung zur Musik analysiert. Der erste befasst sich mit dem damals recht bekannten Musiker Josef Labor, dessen Vater noch bei Schubert verkehrte, der andere, umfangreichere, kommentiert und analysiert Wittgensteins Urteile über Brahms, Mahler - den er gar nicht schätzte - und Bruckner. Mit den Komponisten des 20. Jahrhunderts - Schönberg, Webern - konnte Wittgenstein gar nichts anfangen. Alber zitiert viele schriftliche Aufzeichnungen Wittgensteins über Komponisten und Musik und kommentiert sie aus dem jeweiligen Zeitgeist und dem musikgeschichtlichen Kontext heraus.

Das Buch eignet sich vor allem als Hintergrund-Lektüre für Wittgenstein-Kenner und solche, die es werden wollen. Der Essay über Wittgensteins Verhältnis zu den Komponisten der letzten zwei Jahrhunderte vermittelt darüber hinaus viele neue Einsichten und Aspekte über die Entwicklung der Musik im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Buch ist im Haymon-Verlag  unter der ISBN 3-85218-338-3 erschienen und umfasst 200 Seiten.