| Lothar-Günther Buchheim: "Der Abschied" |
| Ein eher langatmiger Ausklang einer Trilogi | |
Lothar-Günther
Buchheim wurde vor Jahren schlagartig bekannt mit seinem autobiographischen Roman
"Das Boot", in dem er seine Erlebnisse als Kriegsberichterstatter auf einem
deutschen U-Boot im Zweiten Weltkrieg verarbeitet hat. Vor allem der nach diesem Buch
gedrehte Film, von Buchheim selbst wegen angeblich verfälschter Inhalte stark kritisiert,
hat ihn zu einer Bedeutung hoch katapultiert, die jedem weiteren Buch von ihm den Weg
ebnete. Nachdem er in einem zweiten Band, der "Festung", seine Zeit im
belagerten Brest beschrieben hat, lässt er jetzt mit "Der Abschied" die
Trilogie ausklingen. Vordergründig hat dieses Buch nichts mit dem Krieg zu tun.
Buchheim fährt als Buchheim - hier gibt es kein literarischen "Alter Ego" - auf
der "Otto Hahn", dem einzigen deutschen nuklear angetriebenen (Handels-)Schiff,
von Rotterdam bis nach Durban in Südafrika. Kapitän auf dieser in den siebziger Jahren
stattfindenden Reise ist ausgerechnet sein alter U-Boot-Kommandant auf seiner letzten
Reise. Buchheim nutzt die Gelegenheit dieser eher ereignislosen Fahrt, mit seinem
ehemaligen Vorgesetzten Erinnerungen auszutauschen und Einsichten in Ereignisse zu
gewinnen, die er selbst nicht erlebt hat. So muss mal der Kapitän, den wir nur als
"Heinrich" kennenlernen, über seine Flucht aus Brest und seine
Nachkriegserlebnisse erzählen, dann ist wieder Buchheim selbst mit Lebensauskünften
dran. Diese Geschichten mögen für die Beteiligten durchaus
aufschlussreich und mit vielen Erinnerungen verbunden sein, für den heutigen Leser bieten sie jedoch nichts als durchschnittliche Nachkriegsgeschichten, leicht angestaubt. Die Authenzität der Geschichten - als solche dürfen wir sie wohl betrachten - bringt zwangsläufig eine gewisse Trivialität mit sich, denn Wenigen waren romanhaft verdichtete Erlebnisse beschieden. Man war damals sogar froh, nach dem Krieg nicht noch mehr aufregende Dinge zu erleben.
Neben diesen Dialiogen schildert Buchheim den Alltag an Bord, und dabei geht er nicht zimperlich mit seinen Mitreisenden um. Die Stewardessen an Bord sind wahrlich abschreckende Beispiele, die restliche Mannschaft dümpelt zwischen Dumpfheit, Spießigkeit und Streitlust, und generell vermisst er die rechte Disziplin an Bord (sic!).
Auch den Schiffsantrieb mit dem Atomreaktor lässt Buchheim sich eingehend vom Schiffsingenieur, dem "Chief", erklären, und dabei bekommt dieser sein Fett als technikgläubiger Atomjünger mit ansonsten engem Horizont weg. Bei diesem Thema befindet sich Buchheim allerdings in einem Zwiespalt. Immer wieder äußert er - politisch korrekt - seine Zweifel an der Atomtechnik, aber diese Kritik kommt seltsam halbherzig und verschämt daher. Wäre er wirklich ein überzeugter Atomgegener, dann müsste er erst einmal erklären, warum er dann diese lange Reise auf einem so unsicheren Schiff mitmacht. Dies hätte er nur vertreten können, wenn er in erster Linie ein Buch gegen die Atomkraft und nicht einen Rückblick auf sein Leben geschrieben hätte. So wirkt der Protest gegen diese Technik eher wie eine Pflichtübung.
Bei aller Beobachtungsgabe, die Buchheim durchaus nicht abzusprechen ist, fehlt diesem Buch jedoch das Wichtigste: der Humor. Alles um ihn herum betrachtet er mit dem Zynismus des Alters, der die Menschen zwar aus einem reichen Erfahrungsschatz durchschaut aber ihren Eigenarten keine Würde zumisst. Hier wird alles nach der Elle eines alten Nörglers gemessen, der niemanden akzeptiert, der nicht seine Lebenserfahrungen gemacht hat. Und hier sind wir am Kern des Buches: Buchheim ist trotz ehrlicher Abscheu vor Krieg und Gewalt gerade auf seine Kriegszeit fixiert. Hieraus bezieht er seine gesamte Lebenssicht, diese Zeit hat ihn so sehr geprägt, das er sie unbewusst zum Maßstab für das heutige Leben heranzieht. Man kann dies sogar verstehn, denn die existenziellen Grenzsituationen - wie im "Boot" beschrieben - lassen keinen Menschen unbeeindruckt und prägen ihm für den Rest seines Lebens ihren Stempel auf.
Daher kommt auch seine nahezu erotische Fixierung auf die Person des "Alten", die man schon im "Boot" gespürt hat. Diesem Mann, dem er als junger Kriegsberichterstatter sein Leben anvertrauen musste und der ihn sicher zurückbrachte, bringt er eine geradezu archaische Ehrfurcht entgegen, die nur mit diesen elementaren Erlebnissen zu erklären ist und die er auch nur schwach mit Sarkasmus zu kaschieren versucht. Jede Charakterisierung des "Alten" ist ein Stück Bewunderung, und auch die Kritik kommt noch als Respekt daher.
Bei aller psychologischen und nostalgischen Nabelschau ist jedoch festzuhalten, dass Buchheim über ein umfangreiches journalistisches Repertoire verfügt, das sich vor allem in den wiederkehrenden Naturbeschreibungen zeigt. Wer je zur See gefahren ist, kann seine Schilderungen der unterschiedlichen Farben und Stimmungen zwischen Himmel und Meer nachvollziehen. Allein deswegen lohnt sich schon die Lektüre des Buches, wenn auch vielleicht nicht alle 550 Seiten!
Das Buch ist im Piper-Verlag unter der ISBN 3-492-04273-2 erschienen .
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