Christoph Hein: "Willenbrock"

Ost-westliche Irritationen nach der Wende
 

 

Christoph Hein, bereits zu DDR-Zeiten ein durch seine nüchterne und treffende Bestandsaufnahme ostdeutscher Befindlichkeiten profilierter Autor, hat in seinem neuen Buch den Bruch der Lebenslinien nach 1989 und die Neuorientierung im kalten Westen thematisiert.

Willenbrock war in der DDR Ingenieur und handelt nach der Wende in Berlin erfolgreich mit Gebrauchtwagen, so dass er sogar seiner Frau als Hobby eine Verlust bringende Bourique spendieren kann. Als ihn eines Tages ein ehemaliger Kollege anruft und über die Denunziationen eines anderen früheren Kollegen berichtet, kommen die alten Zeiten wieder hoch, Willenbrock will jedoch nichts von später Rache wissen. Mit geschäftlicher Cleverness und ansonsten einem stoischen Gleichmut verdrängt er auch eventuelle Gefahren seitens seiner bisweilen dubiosen Kundschaft aus dem Osten.

Erst als er nachts in seinem Landhaus an der Ostsee überfallen und tätlich angegriffen wird, beginnt ihm die überall lauernde Gefahr klar zu werden. Er übersteht den Angriff mit einigen blauen Flecken, seine Frau will jedoch von dem Landhaus nichts mehr wissen. Da die offensichtlich russischen Einbrecher später zwar aufgegriffen, wegen fehlender eindeutiger Identifizierung jedoch abgeschoben werden, wird es auch Willenbrock zunehmend mulmiger, fürchtet er doch einen Racheakt der Ganoven.

Als ihm ein wohlhabender jedoch leicht anrüchiger russischer Kunde daraufhin eine Pistole besorgt, fühlt er sich dadurch eher belastet als beschützt, bis zu dem Tag, als jemand nachts in seine Garage einbricht und sich an den Autos zu schaffen macht. Den tätlichen Angriff des Einbrechers beantwortet Willenbrock mit einem Schuss aus der Pistole, und der offensichtlich schwer getroffene Mann sucht wankend das Weite. Nachdem jedoch weder die Polizei sich bei ihm meldet noch die Zeitungen von einem Toten berichten, geht Willenbrock wieder zur Tagesordnung über. Er fühlt sich zwar nicht unbedingt sicherer, geht jedoch seinem alten Geschäft weiter nach und baut sogar eine neue Autohalle mit Verkaufsräumen. Wirtschaftlich steht Optimismus auf dem Plan, und auch privat hat sich Willenbrock mit seiner durchaus geschätzten Frau und einigen daneben laufenden Verhältnissen eingerichtet.

Vergeblich sucht man in Heins Roman nach einer eindeutigen Aussage oder einer dramatischen Zuspitzung der Ereignisse mit fatalem aber lehrreichem Ausgang. Die Handlungsstränge laufen mehr oder weniger unabhängig von einander ins Leere. Da trifft er die alten Kollegen, nun offensichtlich in der PDS aktiv, aber die Entlarvung der früheren Aktivisten und Denunzianten bleibt folgenlos, bewirkt bei Willenbrock eher Überdruss und Desinteresse denn Rachegefühle.

Seine erotischen Seitenwege bilden lediglich Episoden seines Alltags, ohne seine Ehe - aus seiner Sicht - ernsthaft zu gefährden. Als er einem Seitensprung seiner Frau auf die Spur kommt, belustigt es ihn mehr als dass es seine Eifersucht weckt. Er hofft nur, dass sie sich keinen "Versager" angelacht hat. In einem "Molly"-ähnlichen Monolog ohne Punkt und Komma geht er beim gemeinsamen Fernsehen die möglichen Motive und Ausprägungen dieses erotischen Abenteuers durch.

Auch der Einsatz der Pistole beunruhigt ihn nur soweit als es die möglichen Folgen für ihn betrifft. Als sich diese nicht zeigen, stellen die Verletzungen des Einbrechers für ihn kein Thema mehr da.

Einen relativ großen Raum nehmen die familiären Beziehungen ein. Zu seinem Bruder hat er kaum Beziehungen, der vor Jahren in den Westen geflohen war und ihn mit den politischen Folgen allein gelassen hatte.

Ebenso wenig kann er etwas mit dem gönnerhaften Schwager mit seiner geistigen Reduktion auf finanzielle Themen anfangen, obwohl er selbst auch nicht über seinen Autohandel, seine Handball-Mannschaft und seine kurzlebigen Amouren hinausdenkt.

Zwar zeigt Hein die aufkommende Gefahr durch Einbrecher und Banden aus dem ehemaligen Ostblock, macht daraus jedoch kein angstbeladenes Pamphlet gegen slawische Banden. Die Situation ist wie sie ist, man muss damit leben, und es stellt sich nicht die Frage der zukünftigen Entwicklung.

So zieht sich das Buch von einer Episode zur nächsten in einer gewissen Gleichgültigkeit. Wenn überhaupt eine gesellschaftliche Kritik festzustellen ist, dann die an einer permanenten Verdrängung alles Bedrohlichen, an der Hinnahme des Gegebenen und an dem ewigen Weiterwursteln in einem durch Trivialitäten gekennzeichneten Alltag. Dabei zeigt sich Christoph Hein wider einmal als genauer und treffender Beobachter menschlicher Verhaltensweisen und Strategien. Alle Personen wirken wie aus dem Leben gegriffen, die Motive und Handlungsweise wirken durchgängig glaubwürdig und nachvollziehbar. Was diesem Buch fehlt, ist der rote Faden einer Aussage.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41155-1 erschienen und umfasst 320 Seiten.