Michael Ondaatje: "Anils Geist"

Roman über Schönheit und leid einer zerrissenen Insel
 

 

Michael Ondaatje, vielen als Autor des erfolgreich verfilmten "Englischen Patienten" bekannt, hat in diesem Roman das Schicksal seines Heimatlandes Sri Lanka in den Mittelpunkt gestellt.

Anil Tissera, eine in Sri Lanka aufgewachsene Ärztin und Forensikerin, lebt seit Jahren in den USA und wird von einer internationalen Kommission für  Menschenrechte nach Sri Lanka geschickt, um Beweise für oder gegen die Behauptung zu finden, dass dort auch die Regierungstruppen grausame Moderungen und Folterungen an Unschuldigen begehen. Ihr zur Seite wird der örtlichr Archäologe Sarath gestellt, der seine Kenntnisse über die Örtlichkeiten und die Untersuchung von Skeletten einbringen soll, den sie aber bald verdächtigt, auch als ihr Aufpasser bestellt worden zu sein.

Bald schon werden vier Skelette eingeliefert, die an einem Ort gefunden wurden, an dem in der Vergangenheit antike Skelette ausgegraben wurden. Auf diese Weise lassen sich Mordopfer am unauffälligsten deponieren. Anil und ihrem Begleiter gelingt es mit akribischer wissenschaftlicher Genauigkeit bald zu beweisen, dass die vorliegenden Skelette deutlich jünger als zehn Jahre sind, und sogar der letzte Aufenthaltsort und typische Tätigkeiten zu Lebzeiten lassen sich den Skeletten entlocken.

Als sich die Anzeichen für einen gewaltsamen Tod unschuldiger Menschen verdichten, warnt Sarath Anil davor, mit dieser Information zu freigebig zu sein, da es zu viele Regierungsstellen und -beamte gebe, die durch diese Entdeckung Kompromiitierung fürchten müssten.

Bis hierher mutet das Buch wie ein wissenschaftlicher Krimi an, bei dem es vor allem um die Aufdeckung grausamer Verbrechen geht. Doch Michael Ondaatje geht es um mehr. Er will keinen "handelsüblichen" Thriller über korrupte und verbrecherische Regierungen verfassen sondern die geistige, kulturelle und politische Lage seines Heimatlandes ausleuchten. Dazu führt er zusätzliche Personen in die Handlung ein, die für die Aufklärung der Verbrechen wenig, für die Charakterisierung des Landes jedoch viel bedeuten.

Dazu gehört der Gamini, der Bruder von Anils "Aufpasser" Sarath und als Arzt mitten im medizinischen Chaos einer Notaufnahmeklinik beschäftigt, in die rund um die Uhr Terroropfer und die Leichen Gefolterter und Verstümmelter eingeliefert werden. Gaminis Leben besteht nur aus Operieren und dem täglichen Angesicht des Todes. Er kennt keine Freizeit, außer ein paar Stunden Schlaf, und ist nicht mehr in der Lage, an eine auch nur ansatzweise hoffnungsvolle Zukunft zu glauben.

Da ist weiterhin der "Augenmaler" Ananda, der gemäß einem uralten Ritus den Götterstatuen die Augen bemalt und außerdem über die Fähigkeit verfügt, einen Totenschädel wieder zu lebensechtem und wirklichkeitsgetreuem Aussehen zu modellieren. Diese Fähigkeit machen sich Anil und Sarath zu Nutze, um die Identität des unbekannten Opfers zu klären.

Anil steht während der kurzen Augenblicke der Entspannung noch mit einem Bein in ihrem zweiten Leben, weit weg von dieser Kultur in den USA, mit vollständig anderen Menschen und Mentalitäten, und vergleicht unterbewusst die beiden Welten miteinander. Je tiefer sie wieder in den Kulturkreis ihrer seit langer Zeit vernachlässigten Heimat taucht, desto fragwürdiger scheinen ihr Beziehungen und Lebensumstände ihrer zweiten Heimat, obwohl sie hier das alltägliche Grauen um sich verspürt.

Als sich zum Schluss die Nebel um den Mord und das Opfer lichten, kommt es doch noch zu einer Art "Showdown", aber mehr im übertragenen Sinne. Anil muss erkennen, dass sie mit der Wahrheit hier nicht nur nichts ausrichten kann und gegen eine Mauer des Schweigens läuft, sondern auch ihr eigenes Leben gefährdet. Sarath hilft ihr zum Schluss in eigener Überwindung aus der schwierigen Situation und ermöglicht ihr die Flucht mitsamt der Beweise - ja, so muss man es nennen - und bezahlt dafür mit seinem Leben.

Ondaatje schildert in diesem Buch nicht nur in beklemmender Weise die Mischung aus politischem Fanatismus, Hass und Rache in seinem Heimatland, sondern er zeigt auch die Schönheit dieser Insel, ihre uralten Traditionen und Riten und den Geist eines Volkes, das bei aller Unterdrückung und Verfolgung von einem hohen Stolz und einem weiten Geist geprägt ist. Man leidet mit dem Autor und den Protagonisten an den schrecklichen Zuständen und sieht keine kurzfristige Besserung.

Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-19917-9 erschienen und umfasst 320 Seiten.