Tristan Egolf: "Monument für John  Kaltenbrunner"

Rachefeldzug eines Einzelgängers gegen eine bösartige Gesellschaft
 

 

John Kaltenbrunner wächst in einer typischen Kleinstadt im "corn belt" der USA als Sohn einer jungen Witwe auf, deren Mann bei einem Grubenunglück ums Leben kam. Bereits als Achtjährigem stößt ihm der heruntergekommene Zustand der außerhalb des Ortes liegenden Farm auf, und er macht sich daran, sozusagen als Stellvertreter seines Vaters, Haus und Hof wieder in Ordnung zu bringen. Dass dagegen die Schulinhalte zweitrangig und die engstirnigen Lehrer eher störend wirken, liegt auf der Hand. Durch seine vollständige Vernachlässigung der Schule und seines Äußeren zieht er sich schnell die Feindschaft der Lehrer und den gehässigen Spott der Mitschüler zu. Bald ist er ein ausgemachter Außenseiter, dessen völlig altersuntypische Leistung auf der nach wenigen Jahren wieder blitzenden Farm jedoch niemand anerkennt. Als die Mutter schwer erkrankt und die Methodisten sehr methodisch um ihre Gesundheit und vor alölem um ihr Hab und Gut kämpfen, ist es um John geschehen. Schnell erkennt er die Masche der Methodisten, sich den Besitz von Sterbekandidaten durch entsprechende Beeinflussung anzueignen, hat jedoch als Minderjähriger keine Chance gegen die Intrigen der Erwachsenen. Als er sich schließlich in der Farm verschanzt, diese für eine Gewinn bringende Weiterverwendung gründlich unbrauchbar macht und sogar die Außenwelt mit der Schrotflinte bedroht, statuiert die Gemeinde ein Exempel an ihm. Nach kurzem aber demütigendem Aufenthalt in einer Mischung aus Gefängnis und psychatrischer Anstalt wird er zu einer mehrjährigen, streng überwachten Arbeit auf einem Mississippi-Schlepper verurteilt.

Nachdem er diese harte Zeit erstaunlicherweise ohne größere Schäden  überstanden hat, darf er in seine Heimatstadt zurückkehren. Unerkannt bemüht er sich um Wohnung und Job, wohnt in den billigsten Absteigen und sinkt auf der sozialen Leiter, will sagen in der Rangliste seiner Tätigkeiten, trotz guter Leistungen immer tiefer. Wo auch er sich erfolgreich eingearbeitet hat, verfolgt ihn das Pech, so in der fabrikmäßig geführten Putenschlachterei, die an Grausamkeit gegenüber Tier und Mensch nicht zu überbieten ist und die ihn nach einem unverschuldeten Unfall einfach entlässt, one sich um seine ärztliche Versorung zu kümmern.

Auch in den folgenden Kurzjobs als Rattenfänger, Straßenarbeiter oder Hundesitter verfolgt ihn nur das Pech und lässt ihn seinen Job jeweils nach kurzer Zeit ohne sein Verschulden verlieren. Schließlich landet er auf der untersten Stufe, bei den "Haldenschraten" der städtischen Müllabfuhr. Hier trifft er auf den "Sockel" der Gesellschaft, die "Unberührbaren", die nicht mehr weiter sinken können und deshalb einen abgestumpften Gleichmut angenommen haben, der sie alle Ungerechtigkeiten und Misshandlungen durch ihren Vorgesetzten und die Bürger der Satdt widerspruchslos hinnehmen lässt.

Doch jetzt schlägt die Stunde des John Kaltenbrunner. Jahre angestauter Rachegelüste verdichten sich zu einer einzigen großen Kraftanstrengung mit dem Ziel, die Gerechtigkeit wieder herzustellen. Tatsächlich gelingt es John Kaltenbrunner, die Mannschaft der Müllwerker hinter sich zu bringen und mit der ganzen Truppe einen mehrwöchigen Feldzug, sprich Streik, gegen die selbstgefällige, reaktionäre, von Hass und Vorurteilen verseuchte Stadt anzuzetteln. Das ganze endet in einem wahrhaft apokalyptischen Showdown, der die Stadt in ein mehr als peinliches Chaos stürzt und John Kaltenbrunner schließlich zum Verhängnis wird. Am Ende erliegt er doch der Stadt, die ihn von Kindesbeinen an mit Unrecht verfolgt hat, und müsste aus dem Jenseits sogar noch die Umdichtung der Ereignisse zu seinen Ungunsten hinnehmen, wäre da nicht sein alter Müllkumpel Wilbur, der mit seinen Aufzeichnungen in der Gestalt des vorliegenden Romans etwas zur Gerechtigkeit beitragen will.

Tristan Egolf, Jahrgang 1971, ist mit seinem Erstling ein wahrhaft mitreißendes Buch gelungen, das an Direktheit und Tempo nichts zu wünschen übrig lässt. Seine plastische und unverblümte Sprache entlarvt eine Gesellschaft, die in Vorurteilen und Dünkel erstarrt ist, Parasitentum und Ausbeutung der Mitmenschen mit religiösem Schein tarnt, keine Fürsorge für Mitarbeiter oder Mitmenschen kennt und nur dem Gesetz des Stärkeren gehorcht. In dieser Gesellschaft hat der Einzelne keine Chance, wenn er nicht von Anfang an mit den Wölfen heult und mit ihnen zusammen die Schwachen zerreißt. Individuelle Leistungen und Lebensführung gelten nichts, auch wenn sie nur um Millimeter von der spießigen Norm abweichen, und werden gnadenlos verfolgt. Ältere Leser werden sich von diesem Buch stark an "Easy Rider" erinnert fühlen, nur ohne den optimistischen Hauch der Freiheit. Hier gibt es keine Sekunde lang die Hoffnung auf Freiheit und Selbstverwirklichung, hier regiert von vornherein die Hölle der Mehrheit.

Der Roman ist unter der ISBN 3-518-41181-0 im Suhrkamp-Verlag erschienen und umfasst 500 Seiten.