Molly Jong-Fast:"Ein ganz normales Mädchen"

Die Geschichte eines "Schicki-Micki"-Mädchens
 

 

Dieses Buch eignet sich weder für besorgte Großmütter noch für zartbesaitete Mütter oder allzu artige Töchter. Denn das hier beschriebene Leben der 19jährigen Miranda Wolke aus New York ist ein einziger Exzess und Miranda alles andere als ein ganz normales Mädchen.

Als Tochter wohlhabender Prominenz hat sie Zugang zu den wildesten und dekadentesten Parties der Großstadt, sie umgibt sich mit alkoholabhängigen Filmstars, drogensüchtigen Topmodels und psychisch kranken Finanzmagnaten. Sie ist „gesegnet“ mit einer emotional kalten, tablettensüchtigen Mutter, deren Zustand ständig zwischen Lethargie und Hysterie pendelt. Mirandas Leben wird von keinem anderen Rhythmus diktiert als dem des hemmungslosen Rausches, der nicht selten in der Bewusstlosigkeit ein klägliches Ende findet. Begriffen wie „gesunde Ernährung“, „ausreichend Schlaf“ oder etwa „innere Ruhe“ schenkt das junge Mädchen keine Beachtung. Sie füllt die Zeit des Leerlaufs zwischen den Festen mit zügellosen Shopping-Touren, exclusiven Vernissagen oder etwa dem Besuch der Beerdigung ihres Ex-Freundes – doch selbst dieser traurige Anlaß bedeutet in diesen Gesellschaftsschichten nichts anderes als ein großes Sehen und Gesehenwerden, bei dem man seine neuesten GUCCI- und PRADA-Erwerbungen vorführt, peinliche Intimitäten an ausnahmslos jeden weitererzählt und zur Stärkung auf der Toilette zwischendurch ein paar Lines Koks zieht.  

Miranda hat einen ausgeprägten Hang zur Selbstzerstörung. Äußerlich eine zarte, bildhübsche junge Frau, erstklassig gekleidet – innerlich ein seelisches Wrack, körperlich am Ende ihrer Kräfte. Nach einem totalen Zusammenbruch wird sie in eine Entziehungsanstalt gebracht und begreift zum ersten Mal, dass sie im Begriff war, sich zugrunde zu richten.

Laut Klappentext zeigt sich an dieser Stelle des Buches, dass Miranda eben auch nur „ein ganz normales Mädchen“ mit den gleichen Ängsten, Erwartungen und Träumen sei wie andere auch.

Dem Leser wird nur allzu deutlich, dass dies die Intention der amerikanischen Autorin gewesen sein muss. Es wirkt jedoch, als habe Miss Jong-Fast plötzlich die wundersame Wandlung der Protagonistin beschlossen und sie – etwas holprig zusammengebastelt – einfach an die Schilderung des exzessiven Lebens drangeklebt. Man vermisst den logischen Zusammenhang und kann sich deshalb nur bedingt über das mit aller Macht in die Story hineingezwängte Happy-End freuen. Ausserdem scheint sie nie einen Kurs über Spannungskurven mit abschliessendem Höhepunkt in einer Geschichte besucht zu haben. Nach der seitenlangen Beschreibung des äußerst zügellosen Genusses aller verfügbaren Rauschmittel, zahlreicher Abstürze und Black-Outs hatte man als Leser schon einen angemessenen Höhepunkt erwartet. Eine kleine Erleuchtung durch die Arbeit mit Hängebauchschweinen, Paragliden in Papua-Neuguinea oder wenigstens eine wundersame Begegnung mit Gott hätte doch drin sein können, Miss Jong-Fast!

Das Werk ist im Verlag Wilhelm Heyne unter der ISBN 3-453-18049-6 erschienen und kostet 28 DM.