| Fred Vargas: "Bei Einbruch der Nacht" |
| Ein psychologischer Krimi um Wölfe und Werwölfe | |
Den Ausgangspunkt
dieses Krimis bilden die Wölfe, die sich, von den italienischen Abruzzen kommend, mit
Duldung der zuständigen Behörden wieder in den französischen Alpen angesiedelt haben.
Sie wecken jedoch nicht nur das Interesse der professionellen Tierschützer und -betreuer,
sondern kehren bei der Bevölkerung auch uralte Ängste wieder in den Vordergrund. Gegen
die atavistischen Vorurteile haben der zur Wolfsbeobachtung angereiste Kanadier Lawrence
und seine französischen Kollegen einen schweren Stand, vor allem, als plötzlich ein
offensichtlich übergroßer Wolf beginnt, nachts Schafe zu reißen. Lawrences Freundin
Camille, Komponistin von Filmmusiken und Hobbyklempnerin mit einem fast manischen Hang zu
Werkzeug-Katalogen, unterstützt ihren Freund im Kampf um die Wölfe, erkennt jedoch
deutlich die sich verhärtende Abwehrfont der Einwohner, die wie die Polizeibehörden an
die Wölfe als Urheber der Schafsmorde glauben. Als dann plötzlich die lebenstüchtige und energische
Schafszüchterin Suzanne in ihrem eigenen Stall Opfer des Wolfsmonsters wird, kommt
schlagartig das Gerücht vom Werwolf auf, einem Menschen in Wolfsgestalt, der nachts
auf Menschenblut aus ist. Auch Suzannes alter Schäfer Wacher glaubt an diese mythische
Gestalt und beschließt, zusammen mit dem jungen Soliman, einst als schwarzes Findelkind
von Suzanne adoptiert, den Werwolf zu jagen und zur Strecke zu bringen. Die beiden glauben
auch zu wissen, wer dahinter steckt: ein seit Jahren einsam im Gebirge wohnender Schäfer,
der schon immer durch seine wortkarge und einzelgängerische Art den Argwohn der
Bevölkerung geweckt hat. In dessen Behausung hat man eine Straßenkarte mit den
markierten Stellen der Schafsmassaker und der weiteren Marschroute gefunden. Da die beiden jedoch über keinen Führerschein verfügen,
überreden sie Camille, den alten, klapprigen Lastwagen zu steuern, den der alte Schäfer
aufgetan hat. Aus Schuldgefühlen gegenüber Suzanne und mit dem gebremsten Segen des
Freundes folgt Camille zusammen mit den beiden Männern der vermeintlichen Fährte des
Werwolfes... Als der sie jedoch ein ums andere Mal narrt und immer an
anderen als den erwarteten Stellen mit weiteren Morden an Schafen und Menschen zuschlägt,
beschließt Camille, ihren ehemaligen Geliebten, den unkonventionellen Kommissar Adamsberg
aus Paris, um Hilfe zu bitten. Dies fällt ihr um so schwerer, als sie ihn nach einer
intensiven Beziehung verlassen hat und jetzt mit dem Naturburschen Lawrence liiert ist. Wie in einem guten Krimi üblich, rollt Adamsberg den Fall
natürlich von einem ganz anderen Ende auf, agiert anfangs für die drei Jäger und den
Leser unverständlich, löst jedoch zum Schluss mit dem obligaten, hier jedoch ironisch gefärbten Showdown das Rätsel um den gefährlichen Werwolf. Wir wollen an dieser Stelle nicht mehr über den Gang der Handlung verraten, um den Lesern nicht die Spannung zu rauben....
Der Reiz dieses Krimis liegt weniger in der Handlung selbst und der kriminalistischen Auflösung, sondern in den Hauptpersonen. Vor allem das ungleiche Fahndungstrio sorgt für Farbe und einen tragfähigen Spannungsbogen, ohne dabei in naheliegende Klischees zu verfallen. Hier der junge, ungestüme Farbige Soliman, der nur die Rache für den Tod seiner Ziehmutter kennt und jede Vorsicht als Zaudern und kriminalistische Winkelzüge als Unsinn brandmarkt. Dort der alte Schäfer, dem trotz oder gerade wegen seines Alters nichts entgeht und der in den entscheidenden Momenten durch seine Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit die richtigen Schlüsse zieht. Zwischen ihnen die junge Camille, die sich bei der anstrengenden Fahrt mit dem Laster obendrein noch mit dem Konflikt zwischen ihrer derzeitigen Beziehung und der wiedererwachenden Zuneigung zu dem Kommissar herumschlagen muss.
All diese Charaktere wie auch die karge und wortarme Atmosphäre in den einsamen Bergdörfern sind gut beobachtet und mit Liebe zum Detail beschrieben. Dass dabei auch die Spannung nicht zu kurz kommt und man außerdem noch Einiges über die Eigenarten der Wölfe erfährt, sind weitere gute Zutaten zu einem insgesamt empfehlenswerten Kriminalroman. Bleibt noch zu vermerken, dass der Vorname Fred als Kurzform von Frédérique auf eine Frau verweist, entgegen der üblichen Belegung dieses Namens.
Der Roman ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 3-351-02886-5 erschienen und umfasst 336 Seiten.
|