| Batya Gur: "Stein für Stein" |
| Eine Frau kämpft für ihr Recht gegen israelische Armee und Justiz | |
Es scheint, als
hätte die israelische Autorin Batya Gur Kleists "Michael Kohlhaas" gelesen,
bevor sie die Arbeiten zu diesem Roman aufnahm. So sehr ähneln Hintergrund und Ablauf der
Geschichte einander, abgesehen vom Zeitkolorit und dem objektiven Sachverhalt. Vor einigen Jahren verunglückte ein junger Soldat bei einer
in der israelischen Luftwaffe üblichen und längst als Tradition auch von höheren
Dienstgraden akzeptierten "Mutprobe" tödlich. Seine Mutter verfolgte das
Militär und die Justiz mit Anklagen über Schlamperei und Fahrlässigkeit hartnäckig bis
zu ihrem eigenen Tode. Diesen Vorfall arbeitete Batya Gur allein auf Grund der
Zeitungsberichte - sie erhielt keinen Zugriff auf Gerichtsakten und konnte auch mit keinem
der Beteiligten sprechen - zu einem Roman um, der sich soweit wie möglich an die
Tatsachen hält und sich auch weitgehend auf das Kernproblem konzentriert. Wegen der
mangelnden Kenntnisse über den aktuellen Fall schuf Batya Gur die Personen der Handlung
neu, wobei man jedoch durchaus den bekannten Passus abändern könnte in:
"Ähnlichkeiten mit historischen Personen sind beabsichtigt...". Rachela Avni lebt mit ihrem Mann in einer
landschwirtschaftlichen Genossenschaft. Von ihren vier Kindern sind ihr nur noch drei
geblieben, seitdem der jüngste Sohn Opfer eines Unfalls beim Militärdienst geworden ist.
Für den Grabstein auf dem Militärfriedhof existieren enge Vorschriften einschließlich
des Textes "Gefallen in Erfüllung seiner Pflicht". Rachela jedoch ist
überzeugt, dass ihr Sohn durch Nachlässigkeit und Borniertheit der Verantwortlichen
sterben musste, und jagt den zwangsverordneten Stein nächtens per Sprengstoff in die Luft
- als Fanal für die am Folgetag beginnende Verhandlung gegen zwei subalterne Offiziere
des Ausbildungslagers. Rachelas Familie, vor allem ihr Mann, ist verstört über
ihre Unerbittlichkeit. Ihr Mann, ebenso getroffen vom Tod des Sohnes wie sie, hat sich
jedoch in sein Schicksal ergeben, da man sowieso nichts gegen das Militär erreichen
könne. Er entfernt sich innerlich immer weiter von seiner Frau, die mit ihrem - in seinen
Augen überzogenen - Gerechtigkeitswahn die ganze Familie und den Freundeskreis sprenge.
Die älteste Tochter hat bereits eigene Familie und betrachtet daher die Ereignisse mit
einem gewissen Abstand, während die jüngere vor der Situation ins Ausland geflohen ist.
Nur der ältere Sohn bleibt dem Elternhaus in dieser Situation eng verbunden und versucht,
Verständnis für seine Mutter aufzubringen. Seine Gedanken am nächtlichen Küchentisch
führen den Leser in die Vorgeschichte der Familie und die Kindheit der beiden Jungen
zurück. Rachelas inhaltlicher wie dramaturgischer Gegenspieler ist
Richter Neuberg, der als Reservist einmal im Monat einen Militärfall zu verhandeln hat
und im vorliegenden Fall zusammen mit zwei höheren Offizieren über die beiden jungen
Ausbildungsoffiziere zu richten hat, die den Unfall rein sachlich zu verantworten haben.
Richter Neuberg wird als klassischer Jurist charakterisiert, der die Logik des Gesetzes
über alle (pseudo-)moralischen Bewertungen stellt und im Grunde genommen stolz darauf
ist, sich nicht durch emotionelle Aspekte beirren zu lassen. Batya Gur erliegt dabei
jedoch nicht der Versuchung, ein Schwarz-Weiß-Bild aus gefühlsbetonter, moralisch
integrer Mutter und einem kalten, zynischen Juristen zu malen. Die streckenweise mehr als
ausführlichen Betrachtungen der juristischen Aspekte zeigen, dass sie die Grundzüge der
Rechtslehre durchaus akzeptiert und auch die Gefahr einer "moralisch"
gesteuerten Rechtssprechung kennt. Richter Neuberg wird während der Verhandlung tägich mit dem
moralischen Anspruch in Form von scharf formulierten und heftig vorgetragenen
Zwischenrufen Rachelas und anderer betroffener Frauen konfrontiert, denen er sich nur mit
Mühe entziehen kann. Dazu kommt, dass einer der Beisitzer die Vorwürfe der Frauen gegen
die Führungsebene des Militärs durchaus ernst nimmt, während der andere die
"Ehre" des Militärs, sprich die höheren Chargen, durch die Verurteilung der
jungen Offiziere erhalten wissen möchte.
Die Verhandlung bewirkt bei Richter Neuberg einen Entwicklungsprozess, der am Ende des Romans einen gewissen Optimismus bezüglich der zukünftigen Entwicklung in Justiz und Militär rechtfertigt. Für Rachela hat jedoch mit dem Ende des Prozesses auch ihr Leben jeden weiteren Sinn verloren, und sie zieht die entsprechende Konsequenz.
Das Buch greift einen in den meisten hoch entwickelten Gesellschaften verbreiteten Trend auf, die Verhaltensweisen und Strukturen dieser Gesellschaft zu rechtfertigen und zu erhalten, im Zweifelsfall auf Kosten der Bürger. Je länger Organisationen bestehen, desto mehr verfestigt sich diese Tendenz. Daraus baut Batya Gur den Konfliktstoff zwischen Individuum und staatstragenden Organen auf. Sehr überzeugend gelingt ihr dabei die Charakterstudie einer Frau, die ihr Kind verloren hat und die wirklich Schuldigen verurteilt sehen will. Gerade aus dieser Situation entwickelt die Frau eine Kraft, die sie schlagartig die Trivialität aller anderen Alltagssorgen und -wünsche erkennen lässt. Die Konzentration auf den Prozess ermöglicht ihr eine schonungslose Rückschau auf ihr eigenes Leben mit all den schlechten Kompromisse und den von der Umwelt und den Traditionen beeinflussten Entscheidungen. Wie eine Katharsis befreit sie die psychische Belastung des Kampfes von allem Zweitrangigen und lässt am Ende nur mehr Schlacke zurück.
Weniger gut gelingt Batya Gur die Darstellung der Gegenseite, obwohl sie sich auch hier um eine intensive Charakterisierung bemüht. Das mag einerseits daran liegen, dass sie hier Männer schildert, in deren Gedankengänge sie sich nur intellektuell versetzen kann. Darüber hinaus lähmt jedoch auch die äußerst detaillierte Schilderung der juristischen Zusammenhänge und Hintergründe den Fluss des Romans. Da hilft auch die Einführung der beiden Beisitzer wenig, da sie einerseits das selbe Thema vertiefen, andererseits selbst nichts zum Fortgang der Handlung beitragen.
Das Grundproblem liegt jedoch in der weitgehend parallelen Führung der beiden Handlungsebenen, der von Rachela und der von Richter Neuberg. Zwar sind beide über den Fall verbunden, aber in die Handlung des Romans fließt dieser Umstand nur durch die verschiedenen Zwischenrufe der Frauen während der Verhandlung ein. Ansonsten haben die Personengruppen keinerlei Verbindungen. Auf diese Weise wirken die Gerichtspassagen teilweise wie Auszüge aus einem Fallbeispiel für ein juristisches Seminar. Interessant, doch für einen Roman etwas langatmig und trocken. Für Juristen mögen diese Passagen jedoch durchaus sehr aufschlussreich sein.
Der Roman ist im Berlin-Verlag unter der ISBN 3-8270-0302-4 erschienen und umfasst 320 Seiten.
|