Anna Seghers:"Jans muss sterben"

Frühwerk einer engagierten Schriftstellerin
 

 

Anna Seghers, bürgerlich Netty Reiling, wäre in diesem Jahr 101 Jahre alt geworden. Im Nachlass der 1983 gestorbenen Schriftstellerin hat ihr Sohn Pierre verschiedene Fragmente und frühe Arbeiten entdeckt, von denen er jetzt die in den zwanziger Jahren entstandene Erzählung "Jans muss sterben" veröffentlicht hat. Natürlich weist dieses Frühwerk nach einer so langen Zeit und einem so umfangreichen, später entstandenem Werk keinen Überrschungswert mehr auf, sondern dient eher der bio- und bibliographischen Ergänzung von Anna Seghers schriftstellerischem Schaffen.

In dieser Erzählung skizziert sie holzschnittartig das Schicksal einer armen Arbeiterfamilie, dessen einziges Kind, eben Jans, im Alter von sieben Jahren schwer erkrankt und ein Jahr später stirbt. Anna Seghers geht es dabei weder um die Art der Krankheit noch um etwaige Schuldzuweisungen an eine unzureichende Gesundheitsfürsorge der Gesellschaft. Sie lotet vielmehr die Wirkung einer als schicksalshaft empfundenen Krankheit auf die Betroffenen aus. Mit zunehmendem Siechtum des kleinen Jungen zeichnet sich die Hilflosigkeit der Eltern und ihre verbale wie emotionale Ohnmacht ab. Charakterisieren anfangs noch Schreck, Hoffnung und dann Hoffnungslosigkeit das Verhalten der Eltern, weichen diese typischen Verhaltensmuster bald einem fast schon fatalistischen Hinnehmen des Unvermeidlichen. DerJunge erhält die notwendige Pflege, aber gleichzeitig machen sich die Eltern daran, einen Ersatz für Jans zu zeugen.

Doch Anna Seghers konstruiert daraus auch keinen Vorwurf an die Eltern. Fast wie einen medizinischen Fall diagnostiziert sie die im Verstummen sich genügende Verzweiflung der Eltern und die fast kreatürliche Zuwendung der Mutter zu der kleinen Tochter. Nur der Vater, der diese emotionelle Schutzfunktion für sich nicht in Anspruch nehmen kann, pflegt bisweilen auf eine etwas schwerfällige Art das Andenken des Jungen

Jans selbst verlässt mit einem letzten Aufbäumen diese Welt. Noch einmal zeigt er den ehemaligen Spielkameraden, die den abgemagerten Schwächling nur abfällig mustern, wozu er fähig ist, um dann an dieser Überanstrengung zu sterben. Geradezu plakativ tritt die Überzeugung der Autorin zu Tage, dass man bis zum letzten Augenblick kämpfen, das Leben auskosten und die eigenen Grenzen sprengen müsse, anstatt klein beizugeben.

Obwohl diese Erzählung stilitisch und inhaltlich deutliche Zeichen eines Frühwerks zeigt, ist sie als Zeugnis schriftstellerischer Konzeption lesenswert und aufschlussreich. Der Nachspann des Sohnes Pierre bietet hierzu noch einige informative Erläuterungen.

Die Erzählung ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 3-351-03499-7 erschienen und kostet 29,90 DM.