Adolf Muschg: Sutters Glück"

Die Geschichte einer späten Wahrheitsfindung
 

 

Sutter hat seine Frau Ruth an den Krebs verloren. Sie kürzte das Ende im See bei Sils-Maria ab, um sich die Schmerzen zu ersparen, als ihr Mann schlief. Sutter, der eigentlich Gygax heißt, aber von seiner Frau den Kunstnamen erhielt, muss jetzt sein Leben physisch und psychisch umstellen. Dieser eigentlich normale Vorgang erfährt einen Bruch, als plötzlich auf Sutter geschossen wird. Im Krankenhaus hat und nimmt er sich die Zeit, über eventuelle Gründe und Urheber dieses Schusses nachzudenken.

Sutter war vor seinem Abgang in den Ruhestand Gerichtsreporter, aber mit gehobenem Anspruch. Hinter jedem Fall hat er die von Richtern und Anwälten nicht erfahrbaren Strukturen und Schicksale erahnt, erkannt und in wortmächtige Reportagen gehüllt. Sutter war stolz auf seine höhere Sicht, die den kurzsichtigen Justizbeamten natürlich abging. Nicht, dass er stolz wie ein Pfau mit diesem Talent hausieren gegangen wäre. Nein, er war sich einfach seiner intellektuellen Bedeutung sicher. Jetzt schwant ihm, dass er mit seinen vermeintlich erahnten Schicksale diese erst gestaltet hat. Ein lenkender Gott im Kleinen?

Sein letzter großer Fall drehte sich um eine Aussiedlerin aus dem Osten der ehemaligen Sowjetunion, die ihren Mann aus der ehemaligen DDR nach dem Umzug in die Schweiz wegen eines Verhältnisses mit einem Künstler umgebracht hat. Sutter hat die begabte Geigenspielerin damals so schicksalsträchtig stilisiert, dass sie nur zwei Jahre Gefängnis erhielt.

Bei all seinen gedanklichen Wanderungen durch die eigene Vergangenheit kommt immer wieder seine Frau Ruth ins Spiel. Wie ein Schemen schiebt sie sich vor jede Erinnerung: was hätte sie gedacht, gesagt, getan? Sutter trauert jedoch nicht vordergründig. Wir sehen kein tränenbenetztes Knieen vor ihrem Bild, und sei es nur imaginär. Er schaut auf sie zurück wie auf ein Stück abgelebtes Leben, doch in jeder kleinen Erinnerung wird der Verlust dringlicher und schmerzlicher. Erst die durch die Kugel des unbekannten Wildschütz erzwungene Beschäftigung mit seiner Vergangenheit führt zu einer kritischen Betrachtung des ehelichen Verhältnisses.

Von einer Erinnerung zur nächsten verstärkt sich die Erkenntnis, dass Ruth wesentlich mehr war als nur der eheliche Hausgenosse. Jede einzelne ihrer Posen, Redewendungen oder Meinungen ist für sich allein genommen marginal, in der Summe jedoch ergeben sie das Bild einer selbständigen Frau, die ihre Ehe mit Sutter wesentlich bewusster als dieser geführt hat und sich darüber hinaus einen eigenen Lebensraum geschaffen hat, in den Sutter nie eingetreten ist, weil er ihn nie gesehen hat. Sutter als Romanfigur erkennt diesen Sachverhalt nicht sofort, doch dem Leser erschließt er sich mit zunehmender Deutlichkeit. Sutter selbst wird erst spät schwerer wiegende Beweise hierfür serviert bekommen. Doch als er schließlich von einer entsprechenden Mitteilung ins Mark getroffen wird, hat sich die Erkenntnis seiner verkürzten Sicht auf die Welt seiner Frau bereits bei ihm durchgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt kann ihn keine Aufklärung, kein Vorwurf und kein Angriff von außen mehr schrecken oder aus dem Gleichgewicht bringen. Er hat zu diesem Zeitpunkt bereits erkannt, dass auch sein Lebensentwurf nur angedacht aber nicht ausgeführt wurde. Er schrieb die Lebensgeschichten anderer, fremder Menschen nach Gusto zusammen, überließ seine jedoch dem Zufall und der Zeit.

Neben diesem den gesamten Roman durchziehenden Hauptthema der Beziehung zu seiner Frau schildert Muschg jedoch auch die weitere gesellschaftliche Umgebung Sutters und nutzt die Gelegenheit zu einer Typologie des Schweizer - und damit des europäischen - Bildungsbürgertums. Platte Satire ist ihm jedoch fremd, er zieht die feine Ironie vor. Da ist der christlich gesinnte Freund, der alle Sätze mit einem beschwörend-beschwichtigenden "Oh" beginnt und allerorten Trost spendet, bis ihn seine Frau verlässt und plötzlich profane materielle Probleme zum Vorschein kommen. Und da ist vor allem der zeitgeistige Künstler, mit dem Muschg abrechnet. Am Beispiel des Malers von Ballmoos entfacht Muschg ein verhalten glühendes ironisches Feuer. Ballmoos steht als erfolgreicher Künstler über spießigen bürgerlichen Moralbegriffen und sieht gewisse Handreichungen halbkindlicher Mädchen an ihm als ein typisches Bedürfnis des seelisch tief involvierten Künstlers. Und selbst später, am Boden angezählt, wird Ballmoos noch mit der Schuld seiner pädophilen Vergangenheit kokettieren. Dieser Künstler ist sich im Erfolg wie im Misserfolg immer seiner Bedeutung und seiner besonderen Stellung gewiss, doch nicht im Sinne einer Verantwortung sondern als Zeichen einer Auszeichnung von Geburt an.

Die Frauengestalten sind bei Muschg eher ambivalent. Neben Sutters Frau Ruth, die wegen ihrer stets treffsicheren Sicht der Dinge und einer inhärenten Unfehlbarkeit eigentlich schon auf ein Piedestal gehört, portraitiert er die Frau des Künstlers als das Gegenstück: kalt, erotisch freizügig aber berechnend, geschäftlich skrupellos.

Das erinnert etwas an die alte Dualität "Heilige und Hure". Man sieht, auch ein Schriftsteller wie Muschg ist nicht ganz gegen diese Polarisierung gefeit, wobei man zugestehen muss, dass er die Antagonistin immer aus der Ferne portraitiert, d.h. aus der Erinnerung Sutters und den Erzählungen der anderen Personen. Als Autor schwingt er sich nicht zu einer eigenverantwortlichen Charakterisierung dieser Frau auf. Sie bleibt somit die schemenhafte "große Böse", der man lieber aus dem Wege geht, die in ihrer rücksichtslosen Stärke jedoch jeden Mann fasziniert. Mehr fasziniert jedenfalls als die eigene Frau Ruth Sutter je faszinieren konnte, da sie zu ausgeglichen, zu normal und damit vermeintlich berechenbar war. Dass dies in Wahrheit nicht der Fall war, bezieht sich weniger auf den vom Künstler Ballmoos aus Rache ausgeplauderten Seitensprung Ruths als vielmehr aus den vielen kleinen Mosaiksteinen ihres Lebens, die auf einen wesentlich weiter entwickelten Stand ihres Bewusstseins schließen lassen, als Sutter sich je gedacht hätte. Und diese Erkenntnis ist es schließlich, die Sutter dazu führt, nicht nur Ruths Asche im See bei Sils-Maria zu versenken, sondern ihr dorthin zu folgen, als späte Sühne für lebenszeitliche Versäumnisse. Fast hätte ein menschlicher Engel diesen freiwilligen Gang vereitelt, doch Muschg lässt Sutter siegen und in einem finalen Todesmonolog seiner Frau folgen. Das letzte Kapitel führt zurück in eine nüchterne Diesseitigkeit und ist eigentlich überflüssig.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41214-0 erschienen und umfasst 335 Seiten.