| Hans-Ulrich Treichel: "Tristanakkord" |
| Eine Satire über Künstler und Kunstbetrieb | |
Der junge Germanist Georg, nach dem Studium Dauergast im Kreuzberger
Sozialamt, erhält endlich die Gelegenheit, sein geisteswissen- schaftliches Wissen
gegen Entlohnung einzu- setzen. Bisher hatte er seinen erzwungenen Müßiggang mit der
Konzipierung einer Doktorarbeit über das "Vergessen in der Literatur" vor sich
und der Welt geschönt, und nun soll er für den berühmten Komponisten Bergmann - dieser
Name sagt ihm als Unmusikalischem gar nichts - biographische Aufzeichnungen
durchsehen und überarbeiten. Dazu muss er sich auf eine sturm- und regengepeitsche
Hebrideninsel im Norden Schottlands begeben, wo der "Meister" derzeit als Gast
eines anderen Künstlers an seinen Werken arbeitet. Georg wird im Bentley von einem Chauffeur abgeholt, der
gleichzeitig als Butler beim Künstler , fungiert, und ist anschließend mehr oder weniger
auf sich gestellt. Bergmann glänzt durch geistige Abwesenheit, nimmt ihn mal wahr, mal
nicht, vergisst Besprechungen und Absprachen und zeigt seiner Umwelt deutlich, dass er
sich in höheren Sphären als der normale künstlerische "plebs" bewegt. Georg
könnte hier einige schöne Tage genießen, wäre die Insel etwas attraktiver. Die Arbeit
selbst ist einfach wenn nicht langweilig, große Anforderungen werden nicht an ihn
gestellt. Als er schon denkt, wegen mangelnder Aufgaben und Bedeutungslosigkeit
abgeschoben zu werden, schlägt Bergmann ihm vor, die Arbeiten an seinem sizilianischen
Wohnsitz fortzusetzen. Und so lernt Georg nicht nur die verschiedenen Refugien eines
großen Künstlers sondern auch die ihn umgeben- den Menschen und die
Besonderheiten des Kunstbetriebs kennen. In seiner großen Naivetät nimmt er anfangs
alles für bare Münze, schreibt sein eigenes Unverständnis der Künstlermarotten seiner
Emsländer Kleinkariertheit zu und hofft immer noch wie ein braver Tropf, von den Großen
dieser Welt fürs Leben zu lernen.
Doch diese zeichnen sich vor allem durch ihre grenzenlose Eitelkeit und Egozentrik aus. Gerade aus der Sicht des unbedarften "Simplizissimus"-Standpunktes kann Treichel nun in aller Ruhe das Standbild des Künstlers einreißen, ohne des kleinlichen Sozialneids geziehen zu werden. Die Ironie des scheinbar unbedarften Blicks ermöglicht die schärfste Beobachtung. Da sehen wir einen missgünstigen Bergmann, den die Angst umtreibt, seine Komponier-Kollegen könnten eine bessere Presse als er erhalten, und er setzt bei Presse-Interviews das großmütig- joviale Lob als zielsichere Waffe ein, um sich dann zu entrüsten, wenn die Konkurrenz das selbe tut. Das Ego wird durch grandiose aber unsinnige Aktionen gestreichelt, so wenn dem Künstler erst nach enigen Wochen auf der Insel einfällt, dass es hier keinen Flügel gibt. Unter großem finanziellen Aufwand mit entsprechender Pressebegleitung lässt man ihm einen Flügel auf die einsame Insel kommen. Er jedoch schlägt in der verbleiben- den Zeit genau einen Akkord darauf an.
Nach Sizilien zieht Bergmann unseren unbedarften Georg schließlich sogar nach New York hinter sich her, Triumph für Georg gegenüber seiner rothaarigen Berliner Studentin, die den Emsländer Stubenhocker mit ihren weltläufigen Erfahrungen in NYC gewaltig beeindruckt hatte. Hier nun erlebt er die Uraufführung des Bergmannschen "Oeuvres" und vorher sogar den Auftritt des Künstlers in einer Fernsehschow, bei der Bergmann jedoch in typisch amerikanischer Fernsehmanier wegen anderer. spektakulärerer Personen in den Hintergrund gedrängt und vor Millionen von Fernsehzuschauern geradezu entsorgt wird.
Georg erlebt die Nabelschau eines selbsternannten Ausnahmekünstlers, der jedoch in der (US-)Realität die Relativität seiner Bedeutung erleben muss ohne sie zu erkennen. Für Bergmann besteht die Welt um ihn herum nur aus zweitklassigen Gestalten, mit denen man sich besser nicht zu intensiv befasst. Er lebt weiterhin in seinem selbsterbauten Elfenbeinturm eines imaginären Künstlertums, das außer ihm - und Georg - keiner mehr ernst nimmt. Auch die anderen Adlaten Bergmanns - vorneweg Butler Bruno - sehen in ihm nur noch eine gute Quelle ihres Aus- und Einkommens und hüten sich, mit ihm zu brechen. Nur der reine Tor Georg ist bis zum Schluss stolz auf seine Nähe zum großen Künstler, obwohl dieser ihn und die vermeintlich so intensivenGespräche immer wieder vergisst.
Georg ist für diese Welt zu gutgläubig. In seiner schüchternen Bescheidenheit zieht er dem nackten Kaiser immer wieder bunte und bedeutende Kleider an und wird auch am Schluss dessen menschliche und geistige Nacktheit nicht wahrnehmen wollen.
Treichel zeichnet in diesem satirischen- ironischen Schelmenroman das Bild einer eitlen, selbstzentrierten Künstklerkaste, die sich gern und genießend mit allen Ingredienzen des Erfolges umgibt, um diesen zu erhöhen oder gar erst herbei zu zwingen. Der Schein macht das Sein, steht als Motto über dem Kunstbetrieb und seinen Protago- nisten, und wenn es an die Beschreibung der Kunstwerke geht, so lässt Treichel unverblümt den Verdacht der Scharlatanerie über den Zisch- und Kratzlauten dieser seiner Meinung nach "Unmusik" wachsen. Aber, sein Tor Georg kennt sich da ja nicht aus und nimmt daher den Schein für das Sein und bewundert den Künstler, weil dieser sich selber bewundert.
Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41127-6 erschienen und kostet 38,- DM.
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