| Alessandro Baricco: "City" |
| Der Amerika-Mythos im "Ulysses"-Stil | |
Gould, ein hochbegabter Junge von 13 Jahren, stu- diert aus familiären Gründen alleine an einer ameri- kanischen Universität. Als Betreuerin engagiert sein Vater, ein ranghoher Militär, eine junge Frau, Shatzy, doppelt so alt wie Gould und etwas unkon- ventionell. Die Kommunikation mit dem Vater erfolgt nur per Telefon.
Gould hat sich eine eigene Welt zusammen- gezimmert, in der der imaginäre Diesel, ein über- großer Junge, für den sich nirgends ein Platz findet, und der stumme Poomerang die zentralen Rollen spielen. Beide stellen "alter egos" des einsamen Wunderkindes dar, das sich in leicht schizophre- nen Anwandlungen mit diesen unterhält und ima- ginäre Abenteuer mit ihnen erlebt. Sein Kontakt zur Universität und den Professoren ist eher zwie- spältig: intellektuell kann er sich mit ihnen über alle Themen unterhalten, jedoch altersgemäße Freunde findet er unter ihnen nicht.
Shatzy nimmt Goulds Absonderlichkeiten mit einer seltsamen Gelassenheit hin. Obwohl sie den fikti- ven Charakter seiner Freunde kennt, spricht sie von ihnen wie von guten Freunden, und zu "viert" ziehen sie durch die Gegend und erleben das heutige Amerika. Die Dialoge dieser seltsamen Truppe lesen sich über weite Strecken wie James Joyces "Ulysses", die scheinbar inhaltlosen und an trivialen Alltagsgegebenheiten orientierten Reden entwickeln durch ihren Verzicht auf eine handlungsweisende Rationalität eine surreale Atmosphäre und subver- sive Aggressivität gegen die Verhältnisse. Gould durchschaut den Gang der Welt, ohne dies diskursiv mitzuteile, und unterläuft die Zumutungen und Lächerlichkeiten der Gesellschaft mit den Mitteln der Groteske.
In diese unorthodoxe Handlung flicht Baricco die zwei großen amerikanischen Mythen des 19. und 20. Jahrhunderts ein: den Western und das Boxen. Bei beiden geht es um das Überleben und um die Durchsetzung des eigenen Egos, und darin sieht Baricco schließlich auch das tiefere Streben der Intellektuellen, denen er den Verrat der eigenen Ideen zugunsten der Umformung der Idee zur intellektuellen Waffe im Krieg der Egos unterstellt.
Shatzy träumt davon, einen Western zu schreiben, und entwickelt vor ihren Feunden aus dem Stehgreif Handlungen, Personen und Konflikte ihres Plots. Dabei wird die Western-Handlung immer wieder unvermutet und übergangslos in den Lauf der Rahmenhandlung eingebunden, verliert dadurch den Status als eigenständige Fiktion und wird Teil der Personen und ihrer Interaktion. Dieser Western enthält neben vielen Archetypen dieser Kunst- gattung auch symbolische Elemente, die auf die Romanhandlung zurückverweisen. So sind in dem einsamen Westernstädtchen nach einer großen Auseinandersetzung alle Uhren stehen geblieben, und Leben wie Tod können erst weitergehen, wenn die "Hauptuhr" wieder in Gang gesetzt ist.
In der zweiten Nebenhandlung erzählt sich Gould - mit Vorliebe beim Toilettenbesuch - die Geschichte vom Boxer Larry, der sich durchbeißt zur Weltspitze und dabei alle Tricks und Fallstricke des Boxsports kennen- lernt. Auch diese Handlung ist bewusst so nahtlos eingebunden, dass man oft nur müh- sam den Übergang von einer Erzählebene zur anderen erkennt. In diesen Selbstgesprächen über das Boxen entsteht noch einmal ein Panarama des Boxsport- Kults im Amerika des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts, bevor die Medien jeden Sportler zum medialen Ereignis degradierten. Wenn Goulds Protago- nist unmittelbar vor dem Höhepunkt seiner Karriere unvermutet Schluss macht, kommt darin sein und damit letztlich Bariccos zentrales Anliegen zum Ausdruck.
Denn auch Gould geht nicht den vorgezeich- neten Weg des Wunderkindes mit Nobelpreis- Garantie. Seine imaginären Freunde und sein erfundenes Boxer-Ego weisen ihm einen anderen Weg ins Leben. Shatzy verweigert sich ebenfalls einem vorgezeichneten Weg und leidet nach der Trennung von Gould unter Entzugserscheinungen, die schließlich in einem nur vordergündig zufälligen und sinnlosen Tod enden.
Baricco breitet mit diesem Roman eine streckenweise mythische Sicht unseres Zeit- alters aus, das man das amerikanische nennen könnte. Aus einer scheinbar etwas verrückten und "ausgeflippten" Story entwic- kelt er mit Hilfe archetypischer Elemente und moderner Mythen ein treffendes Bild unserer Zeit und Gesellschaft. Die Kritik kommt zwar im Kleide der Komödie und des surrealen Scherzes daher, ist deshalb jedoch nicht weniger treffend. Fazit: eines der besten Bücher über Amerika kommt - natürlich - wieder einmal nicht von dort.
Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-19904-7 erschienen und umfasst 330 Seiten.
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