| Eliot Pattison: "Der fremde Tibeter" |
| Eine Anklage gegen die Unterdrückung der Tibeter | |
Die Unterdrückung des tibetanischen Volkes und ihrer Religion durch die Volksrepublik China ist ein fünfzigjähriger Skandal, der leider wegen des lukrativen chinesischen Marktes im Westen wenig Beachtung findet. Der amerikanische Journalist Eliot Pattison hat das Leiden dieses Volkes in den Mittelpunkt seines Romans gestellt und rückt es damit wieder mehr in das Bewusstsein der westlichen Leser.
In einem chinesischen Strafgefangenenlager in Tibet arbeitet neben den überwiegend tibetanischen Mönchen auch der Chinese Shan, der einst als hoher staatlicher Ermittler in Korruptionsfällen etwas zu eifrig einem Verdacht nachging und unversehens in diesem Menschen schindenden Lager gelandet ist. Ohne Hoffnung auf jegliche Besserung seiner Verhältnisse hat er praktisch mit dem Leben abgeschlossen, versucht jedoch, den wegen ihrer Religionsausübung verurteilten Mönchen soweit möglich zu helfen.
Als eines Tages der öffentliche Ankläger Jao, etwa vergleichbar mit einem Generalstaatsanwalt, enthauptet unter einem Felsen in dem Baugebiet der Arbeitskolonne aufgefunden wird, droht den Mönchen weiteres Unheil, sind doch bereits drei hohe Beamte ermordet worden und jedes Mal "aufrührerische" Mönche als Mörder mehr definiert als entlarvt und hingerichtet worden. Als der religiös motivierte Versuch der Mönche, den durch den Mord entweihten Ort durch Gebete wieder zu entsühnen, mit drakonischen Strafen geahndet werden soll, ahnt Shan weitere Todesfälle unter den geschwächten Mönchen und setzt sich selbst für sie ein. Als er daraufhin zum Lagerleiter gerufen wird, rechnet er mit dem Schlimmsten. Dieser beauftragt ihn jedoch zu seinem Erstaunen mit der Aufklärung des Mordes, da er ja als früherer Ermitt- ler die entsprechenden Erfahrungen gemacht habe. Mit entsprechenden Vollmachten ausgestattet und einem Sergeanten als Unterstützung und Bewachung macht sich Shan an die Arbeit.
Von Beginn an ist er felsenfest von der Unschuld des schnell als Mörder "identifizierten" Mönches überzeugt, muss die Beweise dafür jedoch im Wettlauf mit dem jungen Stellvertreter des ermordeten Ankägers herbeischaffen, da dieser in einer schnellen, systemkonformen Aufklärung die Chance für seine Karriere wittert. Shan befragt die nähere Umgebung des Ermordeten und stößt dabei auf eine Mine, in der einige Amerikaner mit Erlaub- nis der Chinesen seltene Metalle abbauen. Bei weiteren Nachforschungen stößt er auf Zeichen des Dämonen Tamdin, der in der tibetanischen Religion eine wichtige Rolle spielt und durch entsprechende Kostüme und Riten verehrt wird. Das Kostüm hat bei dem Mord offensichtlich eine Rolle gespielt, genauso wie uralte, heilige Bestattungshöhlen der Tibetaner, die wiederum die Amerikaner gefunden haben, da sie neben ihrem Minenjob noch von der UNO beauftragt wurden, insgeheim nach religiösen Artefakten und Heiligtümern zu suchen und sie vor der Vernichtung durch die Chinesen zu retten.
Man erkennt bereits an dieser kurzen Zusammen- fassung die Komplexität des Plots. In typisch amerikanischer Manier werden die unterschied- lichsten Handlungsfäden miteinander verwoben, und kein Aspekt darf dabei fehlen.
In eben dieser Höhle findet sich auch der Kopf des Enthaupteten mitten zwischen uralten Schädeln - für die offiziellen Ermittler ein deutlicher Hinweis auf Mönche als Täter. Doch Shan gibt nicht auf und dringt bei seiner Jagd nach der Wahrheit immer tiefer in die Geheimisse, religiösen Organisationen und verschiedenen Volksgruppen der Tibetaner ein. Mit zunehmender Einsicht in die Vergan- genheit und Mentalität dieses Volkes ent- wickelt er zuerst wachsenden Respekt, dann Hochachtung und schließlich eine faszienierte Liebe zu diesem sanftmütigen und tief religi- ösen Volk.
Natürlich löst er in guter amerikanischer Thriller-Manier den Fall in allerletzter Sekunde in einer Art tibetanischem "Showdown", und der Leser kann sich schon vorher denken, dass nicht die Mönche die Täter sind sondern ein finsteres Komplott hinter der ganzen Sache steckt.
Pattison gelingt es, dem Leser das tibeta- nische Volk mit seinem religiösen Hintergrund und seiner leidvollen Gegenwart nahe zu bringen, wenn auch im Stile des westlichen Beobachters mit westlicher Mentalität und in westlichem Stil. Durch diese tief im Inneren verwurzelte - wenn auch unbewusste - kultu- relle Arroganz des westlichen Autors gleitet die Beschreibung bisweilen ins feinsinnig Folkloristische ab, eben wie sich ein fotogra- fierender Tourist die ach so ursprünglichen Tibeter vorstellt. Foto schießen, etwas Betrof- fenheit - und ab in den Bus! Allerdings ver- sucht Pattison, diesem folkloristischen Ele- ment durch seine eigene Betroffenheit sowie durch die Wahl eines Chinesen als Haupt- person entgegen zu wirken, aber ganz gelingt es ihm nie. Allein der Versuch, das tibeta- nische Volk ein wenig à la "Brehms Tierleben" zu beschreiben, hat etwas von Anmaßung. Allerdings sollte man ihm zugute halten, dass er ein für sein westliches Publikum lesbares Buch schreiben musste, denn für diese war es schließlich gedacht. Die Tibeter brauchen sein Buch nicht zu lesen.
Das Buch ist im Verlag Rütten & Loening unter der ISBN 3-352-00564-8 erschienen und umfasst 492 Seiten.
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