| Manuel Rivas:"Der Bleistift des Zimmermanns" |
| Eine Biographie des spanischen Bürgerkrieges | |
Dass auch andere
Länder im vergangenen 20. Jahr- hundert eine schuldbeladene Epoche aufzuweisen haben,
gerät angesichts der übergroßen Schuld der Deutschen oft in Vergessenheit. Zu diesen
Ländern gehört Spanien, das im Bürgerkrieg Ende der drei- ßiger Jahre viel Elend und
Verbrechen erlebte. Wie auch in Deutschland nimmt mit Manuel Rivas (44) die zweite
Generation nach der dunklen Zeit das Thema noch einmal mit Abstand auf, um es end- gültig
zu verarbeiten. Eine äußerst knappe Rahmenhandlung fasst das Buch ein und
legt den zeitlichen Fixpunkt fest. Ein junger Journalist interviewt den tödlich an
Tuberku- lose erkrankten Arzt Da Barca, einen Überleben- den und Helden des
Bürgerkrieges. Doch wer glaubt, dass jetzt der Protagonist dem jungen Schreiber sein
Leben erzählt, irrt. Eben dies erfolgt zeitlich synchron aus dem Munde on Herbal, einem
ehemaligen Bewacher und "mitlaufenden" Mörder, der als alternder aber immer
noch männlicher Beschützer eines Bordells seine Geschichte der jungen Prostituierten
Maria erzählt. Herbal diente nach dem Putsch von Francos Trup- pen im Jahre
1936 gegen die rechtmäßig gewählte republikanische Regierung als Bewacher in
verschiedenen Gefängnissen, die vor allem Republi- kaner und ihre - vermeintlichen -
Sympathisanten "beherbergten". Durch den Kunstgriff, die Zustände unter der
Schreckensherrschaft der Franco- Faschisten aus der Sicht eines Mitläufer zu schil- dern,
bricht Rivas nicht nur mit der weidlich genutz- ten Tradition der Opferklage, sondern
vermittelt damit auch einen neuen, ebenso authentischen und "frischen" Aspekt.
Natürlich besteht dabei immer die Gefahr, durch die Sicht des Täters nicht nur dessen
Motivation zu erklären sondern ihn damit in gewissem Sinne auch zu entschulden. Dagegen
steht jedoch die Erkenntnis, dass auf der anderen Seite nicht nur kalte, blutrünstige
Monster, sondern Menschen mit Ängsten und Beweggründen stan -den, die es zu ergründen
gilt. Das Leid, das Men- schen ihresgleichen antun, lässt sich durch die
"Entmenschlichung" der Täter weder erklären noch in Zukunft vermeiden. Herbal also, der kleine, eher ängstliche Bewacher, der es
den Mächtigen recht tun will, um nicht selbst in die Mühlen der massenhaften
Selbstjustiz zu geraten, lernt den inhaftierten Arzt Da Barca kennen und ihn insgeheim ob
seines Mutes und seines lauteren Charakters zu bewundern, was er sich jedoch selbst nicht
einzugestehen wagt. Doch das Gewissen nagt an ihm, hat er doch einen inhaf- tierten Maler
"pro-aktiv" erschossen, um ihm die Folter der rachsüchtigen Faschisten zu
ersparen. Doch auch dieser "Gnadenschuss" bleibt ein Mord, und so verfolgt ihn
die Stimme des Malers in Form des Bleistiftes, den er diesem abgenommen und sich hinter
das Ohr gesteckt hat.
Über diesen "Gewissens"-Bleistift dirigiert der Maler aus dem Jenseits die Aktionen Herbals und erreicht dadurch letztlich die Rettung des Doktor Da Barca vor einem schmählichen Tod.
Obwohl vordergründig die Gestalten des hero- ischen Arztes Da Barca und seiner späteren Frau Marisa im Vordergrund stehen, spielt eigentlich Herbal als Vertreter des einfachen Volkes die Hauptrolle. Trotz seiner Teilnahme am Verbrechen bleibt er immer ein "Gedun- gener", ein schwacher Mensch, der unter existenziellem Druck zwar zum Mörder wird, jedoch mit dieser Schuld nur schwer zurecht kommt, auch wenn er sie nicht reflektiert. Er versucht, seine Schuld durch die Rettung Da Barcas zu sühnen, und die Stimme des Malers ist dabei als ein Hinweis auf das unbe- wusste Wirken des Gewissens zu verstehen. Das Volk lässt sich im Nachhinein nicht mehr sauber in Schuldige und Unschuldige trennen, sondern auch die Schuldigen sind Teil der Gesellschaft und unterliegen ihren Zwängen.
Rivas betreibt mit seinem sensiblen Roman jedoch keine Rehabilitierung der Faschisten. Seine Aufarbeitung leugnet die Schuld nicht und benennt auch klar die politischen Ursa- chen und Beweggründe des Bürgerkrieges. Seine politische Sympathie gilt eindeutig den Vertretern der Republikaner, aber deswegen sind für ihn die meisten Spanier, die auf der Seite der Rechten gestanden haben, nicht unbedingt mörderische Gesellen, die ihr Lebensrecht verwirkt haben. Wie gesagt, Rivas schreibt aus der Sicht der zweiten Generation "danach", und das erlaubt ihm einen distanzierteren Blick auf die Gescheh- nisse.
Der Roman ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41137-3 erschienen und umfasst 170 Seiten.
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