Andrzej Stasiuk: "Die Welt hinter Dukla"

Erinnerungsschweres Portrait einer polnischen Kleinstadt
 

Dukla, ein verschlafenes Nest im Süden Polens nahe der slowakischen Grenze: hier ist der Autor - oder sein literarisches "Alter Ego" - in den sechziger Jahren aufgewachsen. Hier hat er die Welt aus der Kinderperspektive kennengelernt und die ersten unklaren erotischen Regungen verspürt. Bis heute hat ihn dieser verlorene Ort mit seinen zwei Kirchen und zwei Brücken nicht aus seinen erinnerungsschweren Fängen gelassen. Immer wieder kehrt er dorthin zurück, mal allein, mal mit Freunden. Minütiös beschreibt er die Bahnfahrt durch die polnische Ebene, durch kleine Orte, vorbei an einsamen Siedlungen und weiten Feldern, bis zum Bahnhof in der Kreisstadt, und die anschließende Busfahrt bis zum abseits gelegenen Dukla.

Die sechziger Jahre mit ihren altertümlichen Dampf- bahnen und deren ärmlichen Passagieren werden ebenso lebendig wie das an weltlichen Freuden arme Dukla, die bescheidenen Lustbarkeiten der Dorfjugend und ihre verzweifelte Lust an den modi- schen Kulten des Westens.

Die Zeiten fließen in der Rückschau des Autors ineinander über. Die Erinnerungen an die prägenden Eindrücke in Dukla lassen sich nur punktuell einem bestimmten Alter des Erzählers zuordnen, und so gerinnen einmalige Erlebnisse und Eindrücke zu einer dauerhaften, verinnerlichten Atmosphäre. Dabei bestimmen immer wieder das Licht und die lastende sommerliche Hitze das Bild einer Ort- schaft, die weit über ihre geografische Bedeutung hinaus zum Lebensmittelpunkt des Erzählers wird, der daraus seine Identität und Weltsicht entwickelt. Dukla wird zum philosophischen Ort des Immer- gleichen und zum Fluchtpunkt eines - politisch? - verunsicherten Menschen der Nachkriegszeit.

Stasiuks Blick beschränkt sich auf die inneren Abläufe menschlichen Zusammen- lebens, blendet politische und gesellschaft- liche Entwicklungen aus. Zu widersprüchlich sind die Botschaften aus diesen Bereichen im Polen der zweiten Jahrhunderthälfte, als dass sie dem Autor Leitlinie bedeuten könnten. So ist die innere Emigration in die Erinnerung und das Private logische Konsequenz.

Nach vierzig Jahren staatlich verordneter "Aufbau"-Literatur und eines mal verschlüssel- ten, mal offenen literarischen Widerstands muss diese nicht irgendwelchen abstrakten Idealen oder Ideologien verpflichtete Literatur für die jüngeren polnischen Autoren wie eine notwendige Befreiung  wirken.

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41205-1 erschienen und umfasst 175 Seiten.