| Werner Fritsch:"Jenseits" |
| Letzter Monolog vor einer Revolvermündung | |
Werner Fritsch, Jahrgang 1960, ist einer der jüngeren deutschen Autoren, die sich mit brisanten Themen auseinandersetzen. In den letzten Jahren hat er sich vor allem mit Theaterstücken, so dem "Wondreber Totentanz", einen Namen gemacht.
In der vorliegenden Kurzgeschichten steht ein Mann mit Namen Wolfram "Sexmachine" Kühn vor seinem Henker, der ihn - hinter einer Hitlermaske - mit dem Revolver bedroht. Wolfram vermutet seinen alten Widersacher und Weggefährten, den Zuhälter Klostermeyer, hinter der Maske. Dieser hätte aus- reichend Motive, ihm das Lebenslicht auszublasen, denn schließlich hat Wolfram ihn mehrere Male "gelinkt", und das macht man nicht mit einem professionellen Zuhälter.
Aber das ergibt sich erst im Laufe des sich fast über siebzig Seiten hinziehenden Monologs von Wolfram, der in einer Mischung aus Angst und Fatalismus seine gesamte kriminelle und libidinöse Geschichte förmlich "herauskotzt", immer in Erwar- tung des sich um den Abzug krümmenden Fingers. Ohne Punkt und Komma fasst Wolfram ein verfehl- tes Leben zusammen, das er im Dunste eines Metzgerladens in einem fiktiven bayerischen Dorf und in der Halbwelt der Bordelle und einer perver- tierten Sexualität verbracht hat. Dieser Kloster- meyer war offensichtlich das Idol eines zurückge- bliebenen aber lebenshungrigen Metzgergesellen, an ihn hat er sich geklammert, und von ihm wird er rücksichtslos vorgeführt.
Für die geliebte Hure Cora, die er dem Zuhälter aus seinem "Rennstahl" in eine scheinbürgerliche Familienidylle entführt, muss er ihm Ersatz schaf- fen. Zu diesem Zweck holt er eine Prostituierte aus Thailand. Doch Cora wird seiner Leid und verlässt ihn. Liegt sie deshalb grausig verstümmelt in ihrem eigenen Blut, oder war es doch der allgegenwärtige Klostermeyer, den er vor sich vermutet? Stück für Stück gibt Wolfram in seinem verstümmelten und seltsam sprachlosen Monolog die traurige Essenz seines Lebens preis: den trügerischen Schein von Liebe um den Preis von Verrat und Mord und den unvermeidlichen Verlust einer so teuer erkauften Liebe.
Wolfram ist ein "Underdog", der verzweifelt um seinen Fetzen Fleisch vom Kadaver des Lebens kämpft und doch verliert. Dabei entpuppt er sich als Täter und Opfer zugleich, seine Verbrechen sind Verzweiflungtstaten, die jedoch nicht tragisch über- höht sondern in diesem Milieu quasi naturgegeben und zwangsläufig sind.
Er selbst beschreibt seine Sehnsucht nach privatem Glück in der Diktion der nichts ach- den Unterwelt und geht konform mit deren "Ethos", auch wenn er gewisse perverse Auswüchse als "Sauereien" brandmarkt.
In Wirklichkeit nötigt ihm die konsequente und öffentliche Perversität eines Klostermeyer Bewunderung ab. So frei und rücksichtslos zu sein muss großartig sein. Der Neid des zur absoluten Bösartigkeit und Amoralität Unfähi- gen lässt diese Bewunderung jedoch in wüste Beschimpfungen umschlagen. Hier wehrt sich ein ganz unten auf der sozialen Leiter Ange- kommener gegen die Verhältnisse, die "leider nicht so sind", wie er sie gerne hätte.
Am Ende ergibt sich sogar eine Pointe, die der Geschichte einen gewissen Höhepunkt verleiht, die Grundaussage jedoch nicht maßgeblich berührt. Diese liegt in der auf ganz elementare Bedürfnisse reduzierten Weltsicht eines am Leben Verzweifelten, der nichts mehr zu verlieren hat.
Als Leser sollte man sich den Text gedank- lich laut vorlesen, denn er lebt von der hekti- schen, intellektuell nicht kontrollierten und elementaren Ausdrucksweise, die sich zwangsläufig aus der eruptiven emotionellen Situation ergibt. Sicher kein unterhaltsames, aber dennoch - oder gerade deshalb - lesens- wertes Buch.
Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41121-7 erschienen und umfasst 68 Seiten.
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