Annett Gröschner: "Moskauer Eis"

Die DDR als Tiefkühltruhe
 

Annett Gröschner gehört zu der Garde junger AutorInnen aus der ehemaligen DDR, die in den neunziger Jahren ihre Erfahrungen mit dem real erst existierenden und dann untergehenden Sozialismus in die Form autobiographischer Romane gossen. Auch bei Annett Gröschner decken sich viele Lebensdetails weitgehend mit der Biographie ihrer Protagonistin und verstärken so die Authentizität des Romans.

Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 1991, als das in Magdeburg angesiedeltn Institut für Kältetechnik abgewickelt wird. Die 28jährige Annja Kobe, deren Großvater das Institut einst gegründet hat und deren Vater der letzte Leiter war, reist an den Ort ihrer Jugend zurück, um ihrer alleinstehenden Großmutter die letzten Tage zu erleichtern, da ihr Vater seit kurzem verschwunden ist.

Als sie den Vater in dessen eigenen Wohnung tiefgefroren in einer Tiefkühltruhe findet, weiß sie sofort, dass er mit diesem gedanklich-technisch schon seit langem durchgespielten Schritt "überwintern" wollte und auf bessere Zeiten hoffte. Während sie ihrer Großmutter in den letzten Tages des Jahres 1999 einen würdigen Abschied vom Lebenden ermöglicht, erinnert sie sich an die letzten knapp dreißig Jahre in der DDR. In verschie- denen Rückblenden erscheinen ihr von der Kälte- technik besessener Großvater, der in der unmittel- baren Nachkriegszeit als Leiter des Instituts an gut gemeinten Schwarzmarkt-Geschäften scheitert, ihr immer im Schatten des Großvaters stehender, ebenfalls der Kälte und dem Sport ergebener Vater und ihre Mutter, die sich schon früh von Mann und Tochter getrennt hat. Um die engere Familie scha- ren sich Nachbarn, Freunde, Liebhaber, Mitläufer, Denunzianten und Stasi-Beamte, die zusammen den Mikrokosmos der DDR bildeten.

Annett Gröschner schildert das Leben in der DDR mit viel nüchternem Realismus, doch nie mit Bitter- keit oder gar Hass. Ein trockener Humor durchwirkt alle Geschichten, sogar den Ausschluss vom Stu- dium wegen mangelnder gesellschaftlicher Motiva- tion sowie die Drangsalierung und Degradierung von Vater und Großvater.

Bei aller - vernichtenden - Kritik an Politik und Personal der DDR spürt man immer so etwas wie Liebe zu der grauen Heimat und den weniger mächtigen Akteuren, die sich alle mit ihren Mitteln durchs Leben schlagen und arrangieren müssen. Die neuen "Machthaber" nach der Wende kommen dabei nicht viel besser weg als die alten, und die neu erwor- bene Freiheit wird mit schweren persönlichen Verlusten bezahlt. Am Schluss hält das Buch noch eine Pointe bereit, die hier jedoch nicht verraten werden soll, die aber den geradlinigen Stil dieser Autorin widerspiegelt.

Wer wieder einmal ein unterhaltsames und ohne "nabelschauend Betroffenheit" geschrie- benes Buch lesen möchte, das gleichzeitig einen authentischen EInblick in dreißig Jahre DDR vermittelt, der sollte sich diesen Roman zulegen.

Das Buch ist im Gustav Kiepenheuer Verlag unter der ISBN 3-378-00628-5 erschienen und kostet 36,- DM.