| Kevin Patterson:"In weiter See" |
| Eine Reise an die eigenen Grenzen | |
Berichte über
Langstrecken-Törns auf kleinen Segelbooten gibt es in Hülle und Fülle. Vor allem die
Südsee mit dem Traumziel Tahiti hat es spä- testens nach Gauguins Flucht dorthin den
meisten Aussteigern angetan, und der "Einhand-Törn" wird dabei immer wieder zur
großen, persönlichen Bewährungsprobe hoch stilisiert. Der Autor des vorliegenden Buches
bildet da keine Ausnahme, jedoch zeichnet er sich durch die gerade bei ein- samen
Extremsportlern sehr seltene Gabe der humorvollen Selbstironie aus. Die Reise von
Vancouver nach Tahiti und zurück ist weitgehend eine Dokumentation, bei der nur die Namen
der meisten Personen geändert wurden. Der Autor leistet nach seinem Medizinstudium seinen
Militärdienst in einer einsamen Garnison fernab der Metropolen im eiskalten und
eintönigen Norden Kanadas ab und verfällt dabei der Reise- literatur. Er verkriecht sich
vor seiner Umwelt und verschlingt ein Buch nach dem anderen über große Land- und
Seereisen. Als eine persönliche Bezie- hung darüber zu Bruch geht, kauft er sich kurzer-
hand ein Segelboot und beschließt, die Berichte der Südsee-Fahrer selbst nachzuerleben
und nach Tahiti zu segeln - ohne einen "blauen Dunst" von der Seefahrt.
Glücklicherweise lernt er einen ebenso verkrachten und leidlich see- und segeler-
fahrenen jungen Mann kennen, der sich sofort bereit erklärt mitzufahren. Also bricht man
auf Richtung Hawai als Zwischenstation. Der Autor lernt auf diesem Törn die Grundzüge der Seefahrt
kennen, einschließlich Seekrankheit, Angst einflößender Wellen und tagelanger Flauten
bei sengender Hitze, und reflektiert während langer untätiger Stunden über sein
bisheriges Leben, seine Beziehungen, den Sinn des Reisens und die umfangreiche
Reiseliteratur. Diese zitiert er denn auch recht häufig. Nun ist gegen Zitate fremder
Literatur nichts einzuwenden, vor allem, wenn sie mit korrekten Quellenangaben verbunden
ist. Wenn jedoch dieses Mittel zu oft angewandt wird, mutiert ein Buch schnell zur
Sekundärliteratur und lang- weilt den Leser. Schließlich erwartet dieser einen
authentischen Bericht des Autors und nicht seine Meinung über andere
(Reise-)Schriftsteller. Überhaupt leidet dieses Buch an der mangelnden Fokussierung
und der Verzettelung auf zu viele Themen und
nebensächliche Handlungen, die erwähnt werden und ohne irgendeine aussagekräf- tige
Pointe verschwinden.
Offensichtlich hat nicht nur der Autor sich alles von der Seele schreiben wollen, was er so in den letzten zwei Jahren erlebt hat, darü- ber hinaus scheint auch sein Verleger mehr Volumen verlangt zu haben.
Wie bei jeder Art von Literatur sollte man sich auch bei Reiseberichten auf das Wesentliche beschränken, und da muss man sich bei einem transpazifischen Segeltörn entweder auf die maritimen und segeltechnischen Aspekte konzentrieren oder die menschlichen Kämpfe oder gar die abgesegelten Gebiete und Menschen beschreiben. Der Autor dieses Buches tut von allem etwas und fügt noch die Beschreibung seiner Militärzeit in Kanada, einige weitere Beziehungsgeschichten und die Lebensumstände seiner Bekannten hinzu. Etwas zu viel für einen Autor, der nicht gerade mit dem Talent zum großen epischen Werk ausgestattet ist. Seine humorvolle Selbstkritik allerdings macht viele dieser Fehler wieder wett, und zwischendurch ergeben sich auch überzeugende und klischeefreie Schilderungen der Südsee und ihrer Inseln sowie seiner menschlichen Umwelt.
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