O. P. Zier: "Sturmfrei"

Bericht über die Innenseite einer Firma
 

 

Der Österreicher Othmar Peter Zier stellt einen wesentlichen Teil des menschlichen Lebens in den Mittelpunkt seines Romans "Sturmfrei", den Berufsalltag. Sein "Held" Hans Helger verbringt seine Tage als Einkaufsleiter einer Aluminiumfabrik in dem kleinen Ort Meng. Die meisten Einwohner arbeiten hier, und der Ort steht und fällt mit dem Unternehmen. Helgers Mitarbeiter Werner wohnt mit Lebensgefährtin und Kind als Nichtverheirateter in zwei kleinen Einzelzimmern, da ihm angeblich aufgrund seines Familienstatus keine Firmenwohnung zusteht. Hans und Werner führen einen bürokratischen Kleinkrieg gegen den bigotten Personalleiter Berger, der seine Verfügungsgewalt über die Firmenwohnung geradezu lustvoll ausnutzt.

Neben den beiden Protagonisten und ihrem Arbeitsalltag lernt der Leser die Kollegen und Vorgesetzten samt ihren Eigenheiten und Schwächen kennen. Da sind die Großspurigen, die Sexuell-Anzüglichen, die keinen Rock unkommentiert lassen können, die Unfähigen mit dem Geschick des Kaschierens und Verschleierns, die Verklemmten, die Unterwürfigen, die Ängstlichen, die Intriganten und die über den Wolken Schwebenden. Zu letzteren gehört der deutsche Geschäftsführer, der aufgrund seiner Dynamik und seines offenen Auftretens für Hans Helger einen Ruhepunkt und Hoffungsanker darstellt. Und da ist natürlich immer der seine begrenzten Machtbefugnisse gnadenlos ausspielende Intrigant Berger...

Hans Helgers Privatleben kann die Fallstricke des Berufsalltage nicht immer vergessen machen, befindet sich seine Frau Margit doch ebenfalls in einem Berufsumfeld, das die Ehe nicht einfacher macht. Beider Frustrationen führen zu Missverständnissen und Verstimmungen, die bisweilen auch zu Eruptionen führen können.

Als plötzlich das Gerücht auftaucht, das Werk solle von der Schweizer Hauptverwaltung geschlossen werden, breiten sich Angst und Verzweiflung aus. Zwar kann der Geschäftsführer dies öffentlich dementieren und die Rettung der Belegschaft gegenüber auf seinen mutigen und entschiedenen Einsatz zurückführen, doch es bleiben Zweifel an dieser Lesart....

Schließlich gelingt es Hans und Werner, mit einer geschickt eingefädelten Aktion den Fall der vorenthaltenen Wohnung dem Geschäftsführer als eine schreiende Ungerechtigkeit zu präsentieren und den Personalleiter in Erklärungsnotstand zu bringen. Die erhoffte Wirkung verkehrt sich zwar wider Erwarten ins Gegenteil, doch Werner sieht dies sogar als Chance.....

Es passiert wenig Spektakuläres in diesem Roman: kein Sex, kein Crime, sondern nur Alltag in einer Kleinstadt; und was als Drama zu beginnen scheint, endet bisweilen in der kalkulierten Lächerlichkeit mit Kleinstadtzuschnitt. O. P. Zier glänzt vor allem durch seine ausgefeilte und kraftvolle Sprache, die die unbedeutenden Ereignisse in einer Allerweltsfirma plastisch und überzeugend gestaltet. Dazu kommt eine ausgeprägte Beobachtungsgabe, die alle Feinheiten der dargestellten Charaktere hautnah und ohne jegliches Klischee ausarbeitet. Die Kollegen der beiden Hauptpersonen wirken nicht - wie bei vielen amerikanischen Büchern - wie einer Barbie-Welt entnommen, sondern lassen sich im Berufsalltag jedes Lesers wieder finden, so durchschnittlich und doch prägnant sind ihre Eigenarten, Ängste und Hoffnungen. Die einzige Schwäche des Buches besteht in der im Grunde genommenen einfachen und weitgehend spannungslosen Handlung, die dem Leser nicht gerade den Atem raubt.

Das Buch ist unter der ISBN 3-7013-1027-0 erschienen und 561 Seiten.