| Ein Buch über die Vielfalt der Liebe |
| Ein Buch über die Vielfalt der Liebe | |
Natürlich war die
Liebe schon immer einer der Schwerpunkte allen menschlichen Schreibens, und doch kann
dieses Thema in seiner Vielfalt jedes Mal aufs neue Spannung und Neugier entfachen, wenn
ein inneres Feuer und ein unbestechlicher Blick für das Wesentliche dahinter stecken. Die griechische Autorin Ersi Sotiropoulos verfügt über
beide Gaben. In ihrem Roman erzählt sie die im Grunde genommen einfache Geschichte der
Geschwister Sid und Lia und der sie umgebenden Personen. Lia liegt mit einer schwer
diagnostizier- baren Viruserkrankung im Krankenhaus, und ihr Bruder Sid versucht, ihr mit
seinen geringen Mitteln die Angst vor dem Sterben zu nehmen. Ohne Nähe- res über die
seltsame Krankheit zu wisse, ahnt er doch, dass sie dem Tod geweiht ist. Lia selbst zeigt
in ihrem zunehmendem Verfall einen sarkasti- schen Humor, den sie auf sich und ihre Umwelt
anwendet und der nicht zuletzt auf ihr frühes Wai- sendasein zurückzuführen ist,
das auch die beiden Geschwister zusammengeschweißt hat. Zu diesem Paar gesellen sich der Krankenpfleger Sotiris - man
beachte die Assoziation zum Nach- namen der Autorin -, der die Kranke dienstlich zu
betreuen hat und sich ihren Unwillen zuzieht, sowie dessen Verwandschaft. Sotiris ist ein
etwas schwerfälliger Einzelgänger, der wenig Kontakt zu seiner Umwelt findet und noch
sehr unter dem Ein- fluss seiner Familie steht. Seine erotischen Ver- suche bewegen sich
weitgehend in der Phantasie und enden, wo sie sich am lebenden Objekt betät- gen wollen,
in der Peinlichkeit. Das eigentlich Berührende dieses Romans liegt nicht in der
Handlung sondern in der unbestechli- chen und mitreißenden Beschreibung der Figuren. Sid
und Lia sind zwei lebenshungrige junge Men- schen, die sich nach einer für sie nicht
benennba- ren Erfüllung, das heißt, nach Leben sehnen. Während Lia ihre Sehnsucht
hinter ihrem Sarkas- mus und einem Kapriolen schlagenden Humor ver- birgt, rettet sich Sid
in einen typischen Vorstadt- "Machismo", der ihm kurzfristig Genugtuung ver-
schafft, dessen Wirkung jedoch nie lange vorhält. Er glüht förmlich vor Lebenslust, ist
jedoch innerlich an seine sterbende Schwester gekettet, ohne aber diese Verpflichtung
jemals als Bürde zu empfinden oder gar auf sie Idee zu kommen, seine Schwester zu
verlassen. Seine erotischen Beziehungen halten nicht lange, weil die
Schwester seine Emotionen weitgehend besetzt. Als diese ihn bittet, dem Krankenpfleger
einen Denkzettel zu verpassen, tut er dies auf eine geradezu skurrile und so unabsichtlich
humorvolle Weise, dass er das vermeintliche Opfer damit als echten Freund gewinnt, ohne
dass dieser die wahren Verbindungen durchschaut.
Wer nun glaubt, diese falschen Freundschaf- ten und Täuschungen endeten in einem Drama oder einer Tragödie, irrt sich. Das Leben selbst läuft in viel banaleren Bahnen, und die Anhänglichkeit des Krankenpflegers einschließlich Einladungen in dessen familiä- ren Kreis berühren und verunsichern den scheinbar abgebrühten Sid. Befürchtete Kata- strophen treten nicht ein, vermeintliche Hinter- hältigkeiten geraten zu Freunschaft, und selbst der unvermeidliche Tod der Schwester verliert am Ende seinen Schrecken. Nebenbei gelingt der Autorin noch das rühren de Portrait eines jungen Mädchens, das sich ausgerech- net im Milieu einfacher Wirtsleute zur Poetin berufen fühlt.
Ohne das Klischee zu sehr zu strapazieren ist der intensive symbolische Gehalt dieses Ro- mans hervorzuheben. Gerade einfach erzählte Geschichten strahlen oft eine nicht unbedingt geplante Symbolkraft aus, wie in diesem Buch die Krankheit, die Lia von innen heraus ver- zehrt. Eigentlich verzehrt sie das Leben, für das sie nicht gewappnet ist, und ihr Bruder spielt die Rolle des tapferen Ritters, der am Ende doch mit leeren Händen dasteht. Auf- merksame Leser werden noch mehr solcher symbolträchtigen Elemente finden, und daher sei ihnen die Lektüre dieses Romans dringend empfohlen.
Der Roman ist im Deutschen Taschenbuch Verlag in der Reihe "Premium" unter der ISBN 3-423-24274-4 erschienen und kostet 28 DM.
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