| Willem Frederik Hermans: "Die Dunkelkammer des Damokles" |
| Über imaginierten und echten Widerstand | |
Zu dieser Rezension
ist eine Vorbemerkung erfor- derlich: Hermans (1921-1995) hat diesen Roman 1949 verfasst,
also kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Dass die deutsche Erstausgabe erst jetzt
herauskommt, ist insofern unverständlich, als das Thema in den fünfziger Jahren
wesentlich aktu- eller gewesen wäre. Wenn auch die Aussage weit über den Zeitbezug
hinausgeht, mag vor allem jün- geren Lesern Manches wie ein ferner Kriegsbericht
vorkommen. Der junge Henri Ousewoudt ist alles andere als ein
attraktiver Mann. Unscheinbar und offensichtlich zur Bartlosigkeit verdammt, lässt er
sich schon früh von einer sechs Jahre älteren entfernten Verwandten verführen, heiratet
sie aus Bequemlichkeit und übernimmt im Jahre 1939 den Tabakladen seines Onkels und
Schwiegervaters. Seine eigene Mutter hat vor Jahren ihren Ehemann umgebracht und lebt mehr
oder minder in geistiger Umnachtung. Als die Deutschen die Niederlande besetzen, betritt eines
Tages ein junger niederländischer Offizier namens Dorbeck seinen Laden und bittet ihn,
einen Film zu entwickeln, der für die Widerstandsbewe- gung entscheidend sei. Das
Besondere an diesem Mann ist, dass er Ousewoudt wie ein Ei dem ande- ren zu gleichen
scheint, sieht man einmal von sei- nem dunklen Haar und dem Bart ab. Von nun an wird
Dorbeck für Ousewoudt zum fernen und uner- reichbaren Idol, das alle Vorzüge aufweist,
die ihm selbst fehlen: Intelligenz, Mut, Entschlossenheit, kurz - Charisma. In der Folge erhält Ousewoudt von Dorbeck ver- schiedene
schriftliche Aufträge, mit Personen Kontakt aufzunehmen, die ihm wiederum mit dem Mord an
Nazi-Agenten und anderen dem Wider- stand gefährlichen Personen beauftragen. Ousewoudt
führt diese Aufträge mit eiskalter Prä- zision und ohne jeden Skrupel oder Rückfragen
durch, da sie von seinem Idol Dorbeck stammen. Doch im Laufe der Zeit geraten alle anderen
Wider- standskämpfer, mit denen er sich trifft, anschlie- ßend in die Fänge der
Deutschen und kommen um. Er selbst wird von diesen ebenfalls festgesetzt und unter
verschärften Bedingungen verhört, entrinnt jedoch immer wieder dem Tode. Als ihm Dorbeck kurz vor Kriegsende mit Hilfe einer
Schwesternuniform - ihm wächst ja kein Bart und seine Stimme ist immer noch sehr hoch -
zur Flucht in den befreiten Teil der Niederlande verhilft, wird er dort sofort als
gefährlicher Nazi-Agent ver- haftet, der angeblich Dutzende niederländischer
Widerstandskämpfer auf dem Gewissen hat. Seine Erklärungsversuche enden im Nebulösen,
da sich weder Dorbeck noch irgendwelche Hinweise auf dessen Existenz auffinden lassen. Mit
dem mögli- chen Todesurteil konfrontiert, bleibt Ousewoudt jedoch konsequent bei seiner
Darstellung und glaubt auch selbst felsenfest an die Aufdeckung dieses so folgenschweren
wie ungerechten Irrtums. Am Ende wird er bei einem scheinbaren Ausbruch- versuch, der
keiner ist, erschossen. Dem Leser erschließt sich das Buch nur schwer. Glaubt man am
Anfang, die Hintergründe des nie- derländischen Widerstandes am Beispiel eines unscheinbaren Helden zu erfahren, kehrt sich dieses Bild später in die Geschichte eines offensichtlich schizophrenen jungen Mannes um, der sich ein Selbstbildnis heldenhaften Widerstandes zusammenzimmert, das jedoch der Wahrheit nicht standhält. Am Ende glaubt auch der Leser nicht mehr an die Existenz des geheimnisvollen Dorbeck, sondern an Halluzinationen des Protagonisten. Dabei verwischen sich anscheinend - in der Fiktion des Romans - tatsächliche Ereignisse wie die Morde an Gegnern des Widerstandes mit un- glaubwürdigen wie die Kontakte mit Dorbeck. Die Ereignisse verwirren sich zunehmend zu einem Knäuel non Wahrem und Imaginiertem, und auch die nach dem Krieg wieder erstar- kenden rationalen Kräfte, dargestellt durch die wieder glaubwürdige Kriminalpolizei der demo- kratischen Nachkriegsgesellschaft, kann kein Licht in das Dunkel bringen.
Zum Schluss schält sich als Interpretation heraus, dass Hermans mit dem Bild des Henri Ousewoudt das Wesen der Gesellschaft unter dem Druck von Krieg und Unterdrückung widerspiegeln will. Nach dem Kriege waren alle Widerstandskämpfer und ließen sich von dieser Überzeugung nicht mehr abbringen. Auch wenn die Beweise dafür fehlen, bleiben die vom Kriege Zerrütteten und Verwirrten bei ihrer beschönigenden Weltsicht. Doch es ist keine vordergründige und wohlfeile Bürgerkri- tik, die Hermans hier an seinen Landsleuten übt, denn er bringt seinem Helden Ousewoudt erstaunlich viel Sympathie, ja Liebe entgegen. Ousewoudt ist auf seine Art tapfer, und mutig in der Verzweiflung. Niemand hilft ihm, und nirgends erfährt er grundlegende Richtlinien oder auch nur die Andeutung einer Welterklä- rung. Alleine muss er sich der geradezu end- zeitlichen Situation vor allem gegen Ende des Krieges stellen und seine Folgerungen daraus ziehen. Und so kann er schließlich innerlich nur dank seiner privaten Weltsicht überleben, wenn ihm dies auch physisch nicht gelingt.
Das Buch ist im Verlag Gustav Kiepenheuer unter der ISBN 3-378-00640-4 erschienen und kosten 20 Euro.
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