| Nabelschau über das Mittelmaß |
| Nabelschau über das Mittelmaß | |
Der
Versicherungsangestellte Julian besucht mit seinem Vorgesetzten eine Tagung in Italien,
auf der er einen kurzen Fachvortrag halten soll. Obwohl er sich der Bedeutung dieses
Referats für sich und seinen Chef bewusst ist, hat er es bisher durch seine eigene
Nachlässigkeit versäumt, sich vorzubereiten. Und so geht er zum Schwimmen im nahe
gelegenen See, während seine Kollegen bereits im Seminarraum schwitzen. Obwohl der
Rezeptionist ihn noch auf die starke Strömung hingewiesen hat, ignoriert er die Warnung
und gerät prompt in einen Sog, der ihn fast zum Ertrinken bringt. Heil ans Ufer
zurückgekehrt, beschließt er, einen Tod ohne Leiche zu simulieren - der letzte
Ertrunkene wurde nie wieder gefunden - und ein völlig neues Leben zu
beginnen. Während
er sich heimlich mit dem Nötigsten versorgt und dabei einige Stationen seines
Lebens
besucht, steigen die dazugehörigen Erinnerungen in ihm auf. Spätestens hier merkt der
aufmerksame Leser, dass es sich mitnichten um eine bewusst geplante Flucht handelt,
sondern dass hier ein Sterbender noch einmal die Stationen seines Lebens in gedrängter
Form durchlebt. Diese Ausgangssituation kennen wir von Ambrose Bierces
berühmter Geschichte über die Exekution eines Offiziers. Doch während es in jener
Erzählung um den Kampf eines Todgeweihten gegen das Schicksal geht, trifft in diesem
Roman der "Held" immer wieder nur auf sich selbst als das größte Hindernis
seiner Selbstverwirklichung. Was Julian in seinem Leben auch angefangen hat, ist in
kleinem Format schief gegangen. Seine erste Flucht aus dem Elternhaus endet am nächsten
Bahnhof, das ungewollte Kind aus einer halbherzig geführten Beziehung stirbt bei der
Geburt, die ihm unter glücklichen Umständen angebotene Promotion misslingt dank seiner
mangelhaften Recherchen, an dem von seinem Bruder vermittelten Versicherungsjob findet
er keinen Spaß, und die Kollegin gibt ihm nach einem kurzen erotischen Abenteuer aufgrund
seiner Mittelmäßigkeit den Laufpass. Julian jedoch scheint nichts wirklich zu berühren. Selbst
wenn er sich gegenüber Kollegen oder nahen Verwandten über die Unwirklichkeit des Lebens
und die empfundene Bedeutungslosigkeit von Ereignissen oder Erkenntnissen auslässt,
kommt dies nur in schablonenhaften Gedankenfetzen zum Ausdruck, die höchstens der Leser
aus dem Kontext des Romans deuten kann - wenn überhaupt. So steigern sich Julians Todesphantasien in ein Kaleidoskop
von Begegnungen mit Lebenden und Toten, die ihn immer wieder auf seine
Unzulänglichkeit
hinweisen, ohne ihn jedoch ausdrücklich zu verurteilen. Selbst dafür scheint er ihnen zu
unwichtig. Am Ende bewegt er sich in einem zunehmenden Schneetreiben, alles wird
weicher, undurchdringlicher und weißer, bis zu den letzten erhellenden Worten
"Ich weiß". Daniel Kehlmann reiht sich - zumindest in diesem Roman - in die Kategorie der
vermeintlich Empfindsamen ein. Man kann durchaus die Mittelmäßigkeit und den Kampf des
Einzelnen mit und gegen sie thematisieren - solange es ein Kampf mit dem Ziel der
Überwindung ist. Wenn jedoch der Protagonist sich erstens dieser Mittelmäßigkeit aufgrund
derselben nicht bewusst ist (kann der Dumme wissen, dass er dumm ist?), die Misserfolge weder als Eigenverschulden noch fatalistisch als Schicksal oder
selbst entlastend als Schuld der Gesellschaft begreift, sondern alles einfach als gegeben hinnimmt und im "besten" Fall einen nebulösen Neuanfang ohne Ziel und Konzept sucht, dann reduziert sich die
Aussage auf nabelschauendes Selbstmitleid. In dieses Bild passt auch der vollständige
Mangel an Humor, der diese Art von Literatur kennzeichnet. Man sehe sich dagegen nur die Nachwende-Literatur der vom Sozialismus nicht gerade verwöhnten DDR-Jugend an, die vor selbstironischem Humor geradezu strotzt. Dort wird nichts so ernst genommen wie es scheint, und Misserfolge gehören genauso zum Leben wie der Versuch, sie wieder wettzumachen. Wehleidiger Weltschmerz hat vor allem im wohlgenährten Westen
Konjunktur und wird dort auch und gerade von Schriftstellern gepflegt, die man eigentlich nicht zu den Erfolglosen zählt. Ist es also Koketterie mit dem absoluten Mittelmaß als der zutiefst menschlichen Eigenschaft oder ist es ein versteckter intellektueller Hochmut, der sich über die selbst geschaffene literarische Figur erhebt und sie richtet? Wenn man denn ein Buch separat aus dem sprachlichen Blickwinkel werten darf, so ist zu sagen, dass Kehlmann über eine durchaus dichte Sprache verfügt und bei seinen
Personenbeschreibungen auch eine ausgeprägte Beobachtungsgabe beweist. Diese Stärken können jedoch die inhaltliche Leere nicht ganz ausgleichen.
Der Roman ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41265-5 erschienen und kostet 34 DM.
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