Ein Kind im Mikrokosmos einer Vorstadtsiedlung

Ein Kind im Mikrokosmos einer Vorstadtsiedlung
 

 

In einem Vorort Washingtons wird eines schönen Sommertages ein kleiner Junge missbraucht und umgebracht. Seine Leiche wird erst am nächsten Morgen in einem Wäldchen gefunden. Die Einwoh- ner der beschaulichen Siedlung, durchweg Familien mit Kindern, sind natürlich aufs Höchste beunru- higt, zumal es keinen Hinweis auf den Täter gibt.

Die zehnjährige Marsha lebt mit ihrer Mutter und ihren beiden Geschwistern in der gleichen Straße wie der ermordete Junge. Ihr Vater hat die Familie vor kurzer Zeit verlassen, um mit der Schwester seiner Frau ein neues Leben zu beginnen. Marsha versteht noch nicht viel von den Problemen und Dramen der Erwachsenen. Auch die Umstände des Mordes findet sie eher aufregend als schrecklich. Für sie kreist alles um ihren Alltag, ihre Auseinan- dersetzungen mit der Mutter, den älteren Geschwi- stern und den Freundinnen. Dass der Vater aus ihrem Leben verschwunden ist, nimmt sie eher unbewusst wahr.

Stattdessen weckt ihr Nachbar Mr.Green zuneh- mend ihre Aufmerksamkeit. Der Junggeselle mittle- ren Alters entspricht so gar nicht ihrem Bild eines Mannes dieser Alters, da er erstens keine Familie hat und zweitens etwas unsicher, ja verklemmt wirkt. Während ihre Mutter ein anfängliches Inte- resse an Mr. Green zeigt, ihn wohl auch als mögli- chen Nachfolger ihres untreuen Ehemanns taxiert, steigert sich die kleine Marsha in eine wachsende Abneigung gegen ihn hinein und bezieht ihn intensiv in ihr Tagebuch ein, dass sie seit dem Tod des Jun- gen schreibt. Sie hat nämlich irgendwo gehört, dass bei der Aufklärung eines Verbrechens jede Kleinig- keit wichtig sein kann, und notiert als eifrige Jung-Detektivin alles, was sie sieht und erlebt.

Aus Marshas Aufzeichnungen und der Verhaltens- weise von Mr. Green baut sich langsam eine Indi- zienkette gegen diesen auf, die anfangs jedoch nur der aufmerksame und krimierfahrene Leser erkennt. Polizei und Nachbarn jedoch verdächtigen ihn nicht. Marshas Abneigung gegen ihn speist sich teils aus einer Eifersucht, da die Mutter sich um Mr. Green kümmert, teils aus Wichtigtuerei gegenüber einer jüngeren aber "erfahreneren" Freundin, der sie auch endlich einmal mit "Insiderwissen" imponieren will. So bastelt sie aus aufgeschnappten Redewendun- gen und unverstandenen sexuellen Anzüglichkeiten eine Anklage gegen Mr. Green zusammen, die diesen schließlich in Polizeigewahrsam bringt. 

Wenn der Leser nun denkt, der etwas langatmige Kriminalfall gehe seiner Auflösung entgegen, sieht er sich getäuscht.

Mr. Green hat ein wasserdichtes Alibi und kommt bald wieder frei. Bei den Nachbarn jedoch wirken Marshas Anschuldigungen weiter, so dass der fälschlich Verdächtigte wegziehen muss.

Der Autorin geht es in diesem Roman nicht um den Aufklärung eines Verbechens, wenn auch der Titel dies suggerieren mag, sondern um die Beschreibung des typischen amerika- nischen Mittelstandsmilieus sowie um die Sozialisation eines Kindes, das neben den üblichen kindlichen Problemen mit schwerwie- genden menschlichen und gesellschaftlichen Ereignissen konfrontiert wird und diese verar- beiten muss. Erst spät erkennt die Ich-Erzäh- lerin, welch Schuld sie mit den schwerwiegen- den aber haltlosen Beschuldigungen gegen Mr. Green auf sich geladen hat, und leidet noch als erwachsene Frau darunter. Ob hier Autobiographisches mit hineinspielt, ist nicht auszumachen, aber die Darstellung der kindli- chen Welt ist so subtil und eindringlich, dass vieles davon als erlebt betrachtet werden muss. Suzanne Berne wirkt in ihrer Darstel- lung nie künstlich kindlich, alles scheint aus der Sicht einer Zehnjährigen erzählt - soweit wir uns das vorstellen können - und von keiner überlegen-jovialen Erwachsenen-Weisheit getrübt. Erst zum Schluss kommt die Sicht der erwachsenen Frau noch einmal zur Spra- che, und dieser etwas hausbackene Ab- schluss mit einer "Erklärung" des Darge- stellten ist auch die einzige Schwäche des Buches.

Der Roman ist im Zsolnay-Verlag unter der ISBN 3-552-04953-3 erschienen und umfasst 271 Seiten.