| Martin Walser: "Der Lebenslauf der Liebe" |
| Gesellschaftsgemälde mit Dame | |
Martin Walser hat
sich im Laufe der Jahre in seinen Romanen mit verschiedenen Aspekten der
bundesdeutschen
Gesellschaft auseinandergesetzt, vor allem mit den zwischenmenschlichen Beziehungen aller
Schattierungen. Lange Zeit hat er Schauplätze und Personen am Bodensee angesiedelt und
ist erst in den späten Achtzigern "ausgewandert", zum Beispiel mit
"Verteidigung der Kindheit" oder "Finks Krieg". In seinem neuesten Roman
schildert er die späten Ehe- und frühen Witwenjahre einer Frau aus der Düsseldorfer
Gesellschaft und ihre Beziehungen zu ihrer Umwelt. Susi Gern - dieser Name reiht sich phonetisch in die Zürns
und Zorns vom Bodensee ein - lebt in einer knapp 400 qm großen Penthouse-Wohnung neben
ihrem Mann Edmund, einem erfolgreichen Wirtschaftsanwalt. In den späten Achtzigern sind
sie bereits 30 Jahre verheiratet, pflegen jedoch nahezu seit Jahrzehnten keinen sexuellen
Umgang mehr miteinander, da Edmund schon kurz nach der Heirat eine fast krankhafte Neigung
zu extremen Praktiken einschließlich Gruppensex zeigte. Man hat sich jedoch arrangiert:
Susi angelt von Zeit zu Zeit mit Edmunds Wissen über eindeutige Annoncen Männer für
"schöne Stunden" und steht ansonsten ihrem Haushalt mit fünf Putzfrauen vor,
die rund um die Woche antreten, viel Geld kosten und ihre intimen Geheimnisse teilen.
Ansonsten widmet sich Susi mit Vorliebe ihren zwei Edelkatzen und dem Einkaufen teurer
Textilien. Ihre Tochter Conny, mittlerweile dreißig, ist mit einem
leichten Hirnschaden auf die Welt gekommen, der ihr zwar die wesentlichen praktischen
Dinge des Alltags zu meistern erlaubt, sie aber im geistigen Zustand einer Halbwüchsigen
verharren lässt. Der Sohn Andreas hat das Abitur und verschiedene Ausbildungen
geschmissen und verdient sein Geld dank väterlicher Protektion bei einer Bank, lässt
sich von einer äußerst launischen Frau gängeln und großzügig von den Eltern
unterstützen. In dieser fragwürdige "Idylle" wirkt denn auch der
Ausbruch der Parkinson-Krankheit bei Edmund eher als lästig denn als tragisch. Der Alltag
ändert sich kaum. Edmund geht weiterhin vier- bis fünfmal wöchentlich zu seinen
"Frauen"- verschiedene Ausgaben des Typs "Mätresse"- und pflegt
seine snobistischen Spleens - handgefertigte Straußenlederschuhe im Pack aus
Brüssel, maßgeschneiderte Anzüge aus der Saville Road, einen Bentley vor der Tür,
echte Gemälde von Mondrian und Warhol, Erstausgaben in der Bibliothek. Doch bei all dem
erlesenen Ambiente macht Edmund nie den Eindruck eines Menschen, der sich mit diesen
Dingen auseinandersetzt. Vor allem die kulturellen Werte stellen für ihn nur ein
Aushängeschild vor, man differenziert sich mit ihnen von dem Rest der Gesellschaft. Susi
geht ebenfalls ihrem normalen, das heißt vom Konsum geprägten Leben nach. Ihre Gedanken
drehen sich um ihre Kinder, Katzen, Kleider und Kerle. An dieser Stelle springt Walser plötzlich - wie in älteren
Romanen - plötzlich um nahezu zehn Jahre in die zweite Hälfte der neunziger Jahre.
Damit lässt er entscheidende Jahre neuerer deutscher Geschichte aus, was beweist, dass es ihm in diesem Roman nicht um die
Aufarbeitung der letzten zwei Dekaden geht. Der Grund ist eher trivial und erschließt sich dem Leser nach wenigen Seiten: Edmunds
Krankheit ist über die Jahre unerträglich geworden. Er kann sich kaum noch sicher bewegen, hat seine motorischen Fähigkeiten verloren, macht unter sich und benötigt Windeln. Susi hält dieses Martyrium aus kaum
nachvollziehbaren Gründen aus, zumal Edmund immer noch zu seinen Frauen geht. Als Edmund aus der Anwaltspraxis ausscheidet - der Leser fragt sich, wie die Sozietät dieses nach Urin stinkende Wrack überhaupt noch an
herausgehobener Position beschäftigen konnte - und beginnt, im großen Stil auf eigene Rechnung internationale Geschäfte zu tätigen, geht es rasend schnell bergab. Seine versagende Urteilskraft gaukelt ihm seriöse
Geschäftspartner und riesige Gewinne vor, wo nur die Einbildung herrscht. Als ihm der Schuldenberg über den Kopf wächst, stirbt Edmund und hinterlässt eine verarmte Susi, die sich mit ihrer Tochter in einer Zweizimmer-Wohnung verkriechen muss. Der Sohn hat mittlerweile keinen Job mehr, sich zwischenzeitlich
erfolglos als Anlageberater versucht und schließlich mit seiner dritten Lebensgefährtin ein Privat-Bordell eröffnet. Sic transit gloria mundi!
Susi, mittlerweile siebenundsechzig, lernt einen knapp dreißigjährigen Marokkaner
kennen, der sich zuerst für Conny, dann für Susi interessiert. Khalil studiert mit Unterstützung des Vaters, möchte aber in Deutschland ein Geschäft eröffnen. Hingerissen von seinem Interesse verliebt sich Susi in ihn und heiratet ihn. Khalil zeigt jedoch sehr ambivalente Züge, widmet sich seinen muslimischen Freunden und seiner Religion mehr als Susi, wagt aber nie den offenen Bruch. Zum
Milleniumswechsel kommt er entgegen der Verabredung nicht zum familiären Sylvesterfest, sondern erst spät nachts, mit der Zauberformel "ich liebe Dich" auf den Lippen. Damit endet das Buch. Aus der ganzen Anlage des Romans lässt sich schnell ablesen, dass es dem Autor nicht um die Darstellung individueller Konflikte geht sondern um eine Abrechnung mit seiner Epoche. Die
archetypischen Charaktere und die auf das Allgemeine ver- weisenden Bilder sind zu deutlich: da ist Edmund, der
Vertreter einer heruntergekommenen patriarchalischen Gesellschaft. Bildungswerte werden nur als Ware und Staffage des Egos betrachtet, der
Gelderwerb ist längst zum übersteigerten Selbstzweck mutiert. Die Passion für die Frauen - nach eigenen Aussagen hat er es mit 350 getrieben - steht für die Sexbesessenheit einer Gesellschaft, die diesem Zeitvertreib ohne Unterlass nachläuft. Ganz gezielt stellt Walser Edmund als zur Kommunikation
unfähigen Autisten dar, der sich nur in seinen Beruf vertieft und in seine angeblichen Hobbys, die jedoch nur der Selbstinszenierung dienen. In dieser Person hat Walser alle Eigenarten der männlichen - und nicht nur dieser - Gesellschaft zusammengefasst, zu dem Preis einer Abstraktion. Denn Kontur als Mensch gewinnt Edmund nicht, er ist und bleibt eine literarische Konstruktion. Ähnliches gilt für Susi. Sie dreht sich einen ganzen Roman lang um ihre eigene Achse, lässt sich vom Leben treiben, genießt erst den sozialen Status und erträgt später den Abstieg. "Es iss, wie es iss" sagt sie einmal, und das scheint auch ihr Motto zu sein. Alles lässt sie über sich ergehen, Edmunds Untreue, seine in der Wohnung verteilten
Exkremente, den sozialen Abstieg, Khalils Gleichgültigkeit. Nie reflektiert sie ihre Situation, immer hofft sie auf eine bessere Zukunft - auch schon zu Edmunds Zeiten, als
sie auf ihrem PC eine Rache- und Aufrechnungsdatei mit all seinen Verfehlungen zwecks späterer Verwendung anlegte. Zu dieser Apathie dem Leben gegenüber passt jedoch die fast hündische Liebe zu Khalil nicht. Hier plötzlich bringt sie sich plötzlich aktiv ein, nur, um wieder enttäuscht zu werden.
Walser malt das Gesellschaftsbild weiter sauber aus, fast wie in einer akademischen Arbeit: die behinderten und unfähigen Kinder stehen für eine junge Generation, die nichts mehr zustande bringt, verwöhnt und verweichlicht, wie sie ist. In diesem Bild dringt denn doch ein bisschen zu stark das über Jahrtausende bekannte Lamento der älteren Generation über die Unfähigkeit der Nachgeborenen durch. Hat denn keiner gemerkt, dass es trotzdem immer weiter ging und die Welt am Ende des eigenen Lebensbogens nicht mit versank?
Doch ein solches Bild muss auch einen Ausblick in die Zukunft wagen, und für den steht bei Walser der Marokkaner Khalil. Neue
Kulturen drängen auf das Feld des untergehenden Abendlandes, tarnen sich als Freunde und Liebhaber und führen doch seltsame Dinge im Schilde. Natürlich verbreitet Walser hier keinen vordergründigen Fremdenhass, und der 11. September lag bei der Endredaktion des Romans auch noch in weiter Ferne. Man darf Walser positiv unterstellen, dass Khalil bei ihm für eine junge, zielsichere Welt steht, die sich die Errungenschaften der alten, untergehenden auf elegante Weise, wenn auch nicht immer auf die moralischste aneignet. Susi als Vertreterin der Gesellschaft ist unfähig, die latente Bedrohung zu erkennen, und wird deshalb am Ende zu Recht als Verliererin dastehen. Aber dieses Ende eben lässt Walser offen. Es muss nicht so kommen, es kann aber durchaus so geschehen. Bei aller
überdeutlichen und pessimistischen Symbolik, die man als Leser bejahen oder verneinen kann, stört letztlich doch die wie auf einem Reißbrett entstandene Form des Romans. Eine wirkliche Handlung wird der gesellschaftlichen Metapher geopfert, die Personen bleiben seltsam eindimensional, ohne wirklich lebensnahen Ausdruck. Dazu trägt allerdings auch der typische Walsersche Stil bei, der auf die direkte Rede grundsätzlich verzichtet und das gesamte Geschehen in quasi "gedachte" oder indirekte Rede und formulierte Gedanken verpackt. Diese Form lässt die Handlung distanziert erscheinen, was der Autor durchaus beabsichtigt haben mag. Der Lesbarkeit und vor allem der Freude am Lesen, wie "MRR" es ausdrücken würde, dient sie jedoch nicht. Dazu fehlt Martin Walser wie in seinen anderen Büchern auch hier der Humor. Nie gibt es etwas zu lachen oder auch nur zu schmunzeln. Die leichte Ironie, die alles mit dem Schleier der Abgeklärtheit bedeckt, ist ihm fremd. Alles ist sachlich, ernst und wichtig.
Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41270-1 erschienen und kostet 25,46 Euro.
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