| Josef Winkler: "Natura morta" |
| Eine römische Novelle über den Tod | |
Der Österreicher
Josef Winkler hat sich in seinen Werken immer wieder auf verschiedenen Wegen dem Thema
"Tod" genähert. Ein zweiter Schwerpunkt gilt dem Land Italien und speziell der
Stadt Rom, in der er sich längere Zeit aufgehalten hat. In der "römischen
Novelle" Natura morta verbindet er diese beiden Elemente zu einer äußerst
dichten Erzählung, die das aus der Malerei bekannte Stillleben - auch "natura
morta" genannt - als literarisches Stilmittel verwendet. Winkler schildert einen römischen Markt mit seinem Angebot
toter und dem Tode geweihter Tiere sowie den dargebotenen Früchten der Natur, die nach
der Ernte im engeren Sinne auch "tot" sind, da sie vom Leben spendenden Stamm
gelöst wurden. Mit äußerster Genauigkeit beschreibt er die einzelnen Pflanzen und
Lebewesen, die toten Fische, die sterbenden Hühner, die Früchte und Pflanzen in ihrer
körperlichen Gestalt und ihren Farbschattierungen. Wie eine Maler, der versucht, die
Wirkung der Realität auf das Bild zu bannen, seziert er die Gegenstände bis in die
letzte Nuance. Doch neben den bereits ausgeweideten, zerteilten und verzehrfertigen Tieren
stellt er scheinbar emotionslos auch das Sterben selbst dar, so wenn die
Standbesitzerin in professioneller Gleichmütigkeit einem zappelnden Huhn den Kopf
abschlägt. Vor dem Leser breitet sich ein breiter Teppich des Todes aus, jedoch ohne
moralischen Appell, sondern nur als Abbild des täglichen Kampfes zwischen Mensch und
Natur. Der Tod wird hier auf eine nicht mehr hinterfragte Notwendigkeit reduziert, one
dass deshalb die Novelle als Apologie des Fleischverzehrs zu sehen ist. Winkler hat
offensichtlich der geschäftsmäßige, alltägliche Tod der Kreatur fasziniert, und so
schildert er ihn als literarisches Stillleben, eben "natura morta". Doch mitten in dieses Kaleidoskop des täglichen Todes webt
der Autor den Tod eines Menschen hinein. Piccoletto, ein ausgesprochen hübscher,
halbwüchsiger Junge, hilft bei den Ständen aus, wird Gegenstand lüsterner Männerblicke
und -hände und weckt erste Begehrlichkeiten bei jungen Mädchen. Dieser selbstvergessene
kleine Apoll läuft inmitten des Markttrubels in einen Lastwagen - der Tod ereilt auch ihn
inmitten sterbender Hühner und Fische.
Winkler stellt dieses Sterben mit ähnlichen Mittel wie bei den Tieren dar, nüchtern und distanziert und doch gerade dadurch anrührend. Auch hier keine gesellschaftliche Anklage der Schuldigen, keine Abrechnung mit unhaltbaren Zuständen, sondern nur Ausdehnung der Todesszenerie auf den Menschen. Gerade diejenigen, die das Töten so geschäftsmäßig und selbstverständlich als Geschäft betreiben, werden plötzlich zum Opfer. Dass es nicht einer der alten Profis sondern ein "unschuldiger" Junge ist, setzt der Geschichte die eigentliche Pointe auf.
Der Gehalt dieser Novelle liegt weniger in der Handlung als in der eindringlichen Schilderung verschiedenster Schattierungen von Leben und Tod und der Grauzone zwischen diesen beiden Zuständen. Winkler hat mit dieser dichten Novelle eine wahre Meisterleistung vollbracht, die trotz des schweren Thema eher leicht und nahezu humorvoll wirkt.
Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41269-8erschienen und umfasst etwas 100 Seiten.
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