| Durs Grünbein: "Das erste Jahr" |
| Vielschichtige Chronologie eines Jahres | |
Tagebücher sind
selten literarische Entdeckungen, vermischen sie doch zu oft Persönliches mit trivia- lem
Alltagsgeschehen und Gedanken zum Leben "an sich". Doch wenn sie unter
literarischen Gesichtspunkten entworfen und verfasst werden, kann daraus durchaus ein
lesenswertes Buch entstehen. Durs Grünbein, in der verflossenen DDR aufgewachsen, hat
dies seinem Tagebuch- Rück- blick auf den Beginn verschiedener Epochen geschafft. Zuerst fällt natürlich dabei die Jahreszahl ins Auge: 2000.
Mit seinem Tagebuch begrüßt er das neue Jahrtausend - wenn auch laut Datumsexperten ein
Jahr zu früh. Aber sei´s drum: der Wechsel des Jahrtausend-Präfixes ist so gut wie ein
Jahrtau- sendwechsel. In diese Begrüßung des neuen Millenniums webt er die Geburt
seiner eigenen Tochter hinein, die ihr erstes Erdenjahr erlebt. Und schließlich dokumentiert Grünbein auch das erste
Jahr(zehnt) in der westlichen Welt. Die zehn Jahre nach der Wiedervereinigung erscheinen
ihm im Nachhinein wie ein Jahr, und jetzt erst lassen sich vor allem für ehemailge
DDR-Bewohner die historischen Ereignisse seit 1989 einigermaßen in den eigenen
Lebenszusammenhang einordnen. Wie ein breites Hintergrundrauschen begleiten essayistische
Betrachtungen über Literatur, Philosophe und Weltgeschichte die aktuellen Berichte. Dies
bietet ihm die Gelegenheit, seinen umfassenden Wissensschatz auszubreiten, sei es nun
über die antiken Philosophen von Parmenides bis Platon oder die sperrigen Pendants der
Moder- ne wie Nietzsche. Vor allem Letzterem widmet er einen ganzen "Tag". Auch
die Politiker - vor allem die Vertreter des zusammengebrochenen Sozialis- mus der
DDR-Prägung erhalten ihre eher mild- verächtliche Würdigung aus der Distanz. Bisweilen wirken die großen philosophischen oder
literarischen Bögen etwas überspannt und verbrei- ten eine Atmosphäre zwischen
Oberlehrer und intellektuellem Narzismus. Die Kommentierung bedeutender geistiger
Entwicklungen der Weltge- schichte auf ein bis zwei Seiten vermittelt dann bisweilen doch
den Eindruck der Eindampfung auf handliche Maße. Damit wächst natürlich die Gefahr, in
die Nähe des "Reader´s Digest" zu geraten.
Das bedeutet jedoch nicht, das Grünbeins Aussagen zu diesem Themen durchweg klein schraffiert sind. Sie lassen durchaus ernst- hafte Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema vermuten, und letztlich rettet ihn eine gewisse Selbstironie jedesmal vor dem Fall in die intel- lektuelle Beliebigkeit. Er selbst muss gespürt haben, dass man gewisse intellektuelle The- men nicht auf einer Tagebuchseite abhandeln kann.
Über die Tage des Jahres entsteht dann tatsächlich so etwas wie ein geistiges und historisches Abbild unserer Zeit, dargestellt am Ablauf eines Jahres. Die Breite der ange- schnittenen Themen, der Betroffenheit erzeu- gende Einbruch der externen Welt an bes- timmten Daten - der 6. und der 13. August, der 1. September, der 9. November - und die uneitle Einbringung seines eigenen aktuellen Lebenshintergrundes schaffen ein breites Panorama der gesellschaftlichen und mensch- lichen Bedingungen im beginnenden 3. Jahr- tausend.
Die beste Art der Lektüre wäre es, dieses Buch als taggenauen Begleiter durch das Jahr zu lesen. Das ermöglicht einerseits die Aus- einandersetzung mit den teilweise komplexen Themen und vermittelt andererseits einen nachhaltigeren EIndruck.
Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 3-518-41277-9 erschienen und umfasst etwa 328 Seiten.
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