| Ha Jin: "Im Teich" |
| Arbeiterleben und -leiden in China | |
Vom Leben im heutigen China erfährt man nicht sehr viel, und wenn, dann sind
es oftmals geschönte Berichte, entweder, weil besucher aus dem"Land der Mitte"
auf Kosten ihres Staates hier weilen und irgendwann zurückkehren müssen oder wollen oder
aber aus offiziellen Quellen. Zugang zum Lebensalltag des berühmten "kleinen
Mannes" erhält man jedoch in unseren Breiten kaum. Der Autor Ha Jin, geboren 1956 in China, wanderte 1985 in die
USA aus und lebt dort heute als Pro- fessor für englische Literatur(!). In dem
vorliegenden Buch schildert er in Form einer fast parabelhaften Novelle den Alltag eines
chinesischen Durch- schnittsmenschen, der sich mit den dunklen Mäch- ten des
"Apparats" auseinandersetzen muss. Shao Bin arbeitet in einer Düngerfabrik und lebt mit Frau
und kleiner Tocher in einer Einzimmerwoh- nung von etwa 11 Quadratmetern. Seine große
Liebe gilt der Kalligrafie, der Kunst des schönen Zeichnens und Schreibens mit dem
Pinsel. Er hat sich bereits mehrmals vergeblich um eine Werks- wohnung bemüht, aber immer
wieder gegenüber dienstjüngeren Kollegen den Kürzeren gezogen. Allerdings hat er sich
bisher standhaft geweigert, sich mit Schmeichelei und Geschenken das Wohl- wollen der
Mächtigen in der Fabrik zu erkaufen. Im Gegenteil, er drückt seine Meinung über deren
charakterliche Eignung mehr oder minder deutlich aus. Die Schmerzgrenze überschreitet er
jedoch, als er eine kaum kaschierte Karikatur seiner Chefs veröffentlicht. Von diesem
Moment an verfolgen ihn seine beiden direkten Vorgesetzten, nicht zuletzt, weil sie ihre
Karriere von dem einzigen kritischen und nicht unterwürfigen Mitarbeiter gefährdet
sehen. Bin Shao jedoch gibt auch nach Schikanen und sogar tätlichen
Übergriffen nicht auf und geht weiterhin gegen seine Peiniger mit seinen eigenen,
subersiven Mitteln vor. Dabei entwickelt er die typische Schlauheit des kleinen Mannes,
wie wir sie von Molières Komödien und Mozarts Opern kennen.
Zentimeter für Zentimeter rückt er seinen beiden Gegnern näher auf den Leib und lässt sich auch von seiner besorgten Frau nicht beirren. Und in den düstersten Stunden findet er unerwartete Freunde.
Natürlich darf man von einem hauptberuflich als Literaturprofessor tätigen Autor einen angemessen ironischen Schluss erwarten, und er enttäuscht uns nicht. Wie in Candides "bester aller möglichen Welten" setzt Shao Bin sich durch und gelangt am Schluss selbst in eine respektable Stellung. Das sarkasti- sche Augenzwinkern des Autors ist dabei kaum zu übersehen, genau so wenig wie die traurige Ironie darüber, dass es in der wirkli- chen Welt leider nicht so ausgeht. Nebenbei vermittelt Jin dem Leser ein authentisches Bild seines Geburtslandes in den achtziger Jahren, denn man darf annehmen, dass er nach 1985 zu entsprechenden Recherchen keine großen Gelegenheiten mehr erhielt.
Das Buch ist im Deutschen Taschenbuch- Verlag (dtv) in der Premium-Reihe unter der ISBN 3-423-24276-0 erschienen und kostet 12 €.
|